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Obmann Brauereiverband Karl Schwarz

Bier-Aktionen sind herausfordernd

Karl Schwarz, der Obmann des Verbandes der Brauereien Österreichs, im Gespräch mit retailreport.at.

Im Interview geht es um die Ursachen für das große Absatzminus beim Bier im vergangenen Jahr, über das öffentliche Alkoholbashing und warum ihn ein Handelspreis von 14,80 Euro für eine Kiste Bier trotzdem schmerzt. Das Interview führte Clemens Kriegelstein.

retailreport.at: Herr Schwarz, ein Rückgang beim heimischen Bierausstoß von rund sieben Prozent im vergangenen Jahr: Wird den Österreichern das Biertrinken zu teuer oder sind hier andere gesellschaftliche Entwicklungen der Grund?

Karl Schwarz: Das Preisthema bewegt die Leute natürlich, das sieht man ja auch in den Medien. Ich habe auch Verständnis für das Unverständnis bei der Preisspreizung beim Bier zwischen der Gastronomie und dem aktionierten Lebensmittelhandel. Und ja, wir haben bei den Bierpreisen in der Gastronomie einen Punkt erreicht, wo vielen Gästen der Durst ein wenig vergeht. Dass es aber zusätzlich auch gesellschaftliche Entwicklungen gibt, dass etwa die Jungen heute weniger Alkohol trinken, ist ja auch bekannt.

In durchaus bieraffinen Nachbarländern wie Tschechien oder Deutschland ist die Entwicklung ähnlich. Ist das der internationale Trend, dass unsere Gesellschaft immer puritanischer und lustfeindlicher wird?

Ja und nein. Es gibt schon zwei Beispiele, die mich optimistisch stimmen, wo man sieht, dass mit guten Wirtschaftsdaten und einer geringen Inflation auch die Stimmung in der Bevölkerung steigt und damit auch der Bierkonsum anzieht. Das sieht man etwa in Italien und Spanien. Ich sehe das Thema daher schon etwas breiter. Und das Einwegpfand, das letztes Jahr eingeführt wurde, spielt bei uns sicher auch eine Rolle, sonst könnte nicht der Mineralwasserabsatz von einem Jahr aufs andere auch um zwölf Prozent zurückgehen.

„Bierpapst“ Conrad Seidl hat vor kurzem in einem Interview gemeint, dass wir heute in einer alkoholaversen Gesellschaft leben und es den Brauern nicht gelungen sei zu sagen, dass Bier eigentlich das harmloseste alkoholische Getränk sei, mit dem man sich nicht wirklich weh tun könne. Hat er Recht, sollten die Brauer hier mehr in die Offensive gehen?

Da hat Conrad Seidl schon Recht. Wobei man sich sicher auf sehr dünnes Eis begibt, wenn man jetzt versucht, regelmäßigen Alkoholkonsum – auch wenns „nur“ Bier ist – als gesundheitsfördernd zu verkaufen. Aber ja, wir erleben schon seit geraumer Zeit ein Alkoholbashing, von dem leider auch das Bier betroffen ist. Jeder Zeitungsartikel über die negativen Auswirkungen von Alkoholkonsum wird mit einem Bierglas illustriert. Kein Wein oder Schnaps, es ist so gut wie immer Bier zu sehen. So gesehen müssen wir Brauer uns den Vorwurf wahrscheinlich gefallen lassen, dass wir zu wenig Abwehrhaltung gezeigt haben. Aber was meiner Meinung nach auch zu wenig thematisiert wird, ist, dass die Jungen heutzutage vielleicht weniger Alkohol trinken, dafür aber Pillen und andere Drogen in zunehmendem Ausmaß einwerfen. Führerscheinabnahmen erfolgen laut den letzten Zahlen, die ich gehört habe, schon zu 45 Prozent aufgrund von Drogen- und nicht wegen Alkoholkonsums.

Zu den wenigen Wachstumssegmenten beim Bier gehört derzeit das alkoholfreie Bier, was vor allem an der verbesserten Qualität in den letzten Jahren liegt. Was hat sich hier verändert?

Hier hat sich die Technik der Entalkoholisierung deutlich weiterentwickelt. Das sind recht komplexe Verfahren. Am wichtigsten ist, dass man heute mit geringerem Druck und geringen Temperaturen bei der Entalkoholisierung arbeiten kann, weil Druck und Hitze der Feind von Aromen sind. Dadurch bleibt heute eben der Großteil des Aromaspektrums auch beim AF-Bier erhalten. Was trotzdem natürlich fehlt, ist der Alkohol als wichtiger Geschmacksträger, aber das lässt sich durch eine angepasste Rezeptur, speziell im Bereich der Hopfung, ganz gut kompensieren.

Innerhalb des AF-Segments gibt es vor allem immer mehr 0,0-Biere, also Biere, die nicht mal mehr die erlaubten 0,5 Prozent Alkohol eines klassischen AF-Bieres haben. Schielt man hier auf die immer größere islamische Community oder hat ein 0,0-Bier noch weitere Vorteile?

0,0 erfordert unbestritten die aufwendigste Technologie. Vor allem größere Brauereien setzen auf dieses Angebot und der Vorteil ist, dass ich damit wirklich die gesamte Bevölkerung abholen kann. Auch schwangere Frauen bevorzugen etwa 0,0-Bier oder Leute, die aus anderen Gründen Alkohol auch in Kleinstmengen ablehnen. Das muss also nicht nur religiöse Gründe haben.

Bier ist im Handel DER klassische Aktionsartikel. Sind Sie mit dem „Hauptsache billig“-Image, das das Bier dadurch bekommt, glücklich? Sehen Sie Chancen, dass der Handel in absehbarer Zeit seine diesbezügliche Politik ändert?

Was ich dem Handel positiv anrechne, ist die Bereitschaft, auch Bierspezialitäten ins Regal zu stellen. Da tut sich was und das ist auch wichtig für die Mittelstandsbrauereien, dadurch Fuß fassen zu können. Diese Kategorie-Rabatte, die es regelmäßig auf alle Biere gibt: Das ist halt so, aber das betrifft ja alle Produkte – einmal ist es der Wein, einmal das Klopapier. Diese Rabatte finde ich gar nicht so problematisch. Etwas weh tut es mir dafür, wenn im Handel eine Kiste hochwertiges Märzenbier um 14,80 Euro steht. Auch weil die Schere gegenüber der Gastronomie damit immer weiter aufgeht.

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geschrieben am

27.02.2026