Tchibo: Vielfalt bei Nachhaltigkeit
retailreport.at: Ausgehend vom Kaffee-Geschäft hat sich Tchibo seit langem zu einem Non Food-Händler in unterschiedlichen Kategorien entwickelt. Was muss man heute dabei bedenken, wenn es um Nachhaltigkeit geht?
Paul Unterluggauer: Als Non Food-Händler haben wir bei Tchibo eine besondere Verantwortung über die gesamte Produktpalette hinweg – von Textilien über Haushaltswaren bis zu Elektronik. Nachhaltigkeit beginnt bei uns bereits im Design und zieht sich durch die gesamte Wertschöpfungskette. Drei zentrale Aspekte sind für uns entscheidend:
- Materialauswahl: Wir setzen heute und in Zukunft 100% nachhaltige Baumwolle, Zellulosefasern und Wolle in unseren Textilien ein. Außerdem haben über 80% der Holz- und Papierprodukte eine FSC®-Zertifizierung über die komplette Lieferkette. Bis 2030 streben wir 50% nachhaltige Synthetikfasern an.
- Produktlanglebigkeit: Beim Design unserer Produkte legen wir Wert auf Funktionalität und Qualität. Das Produkt soll so lange wie möglich genutzt werden können. Das hat auch aus Nachhaltigkeitsaspekten die größte positive Wirkung. Material und Verarbeitung zählen auch Aspekte wie Reparierbarkeit und zeitloses Design eine Rolle.
- Kreislaufwirtschaft: Wir entwickeln rund 3.000 Produkte pro Jahr und bei jedem einzelnen stellen wir uns die Frage: Wie können wir Kreisläufe schließen? Bereits beim Design denken wir Nachhaltigkeit mit – wie bei unseren Cradle-to-Cradle zertifizierten Gartenschuhen, die nach Gebrauch in ihre Ausgangsstoffe zerlegt und zu neuen Produkten verarbeitet werden können, bei gleichbleibender Qualität. Auch bei Babybodys setzen wir auf zirkuläres Design mit digitalen Produktpässen und Rückgabesystemen für eine Closed-Loop-Lösung am Ende der Produktlebensdauer. Bis hin zu unserer Initiative 'ZWEITES LEBEN', mit der wir uns gemeinsam mit unseren Kundinnen und Kunden und unserem Partner Re-Use Austria immer mehr in Richtung einer kreislauforientierten Textilwirtschaft bewegen.
Gibt es Unterschiede zwischen online und stationär?
Ja, die gibt es und wir nutzen die jeweiligen Stärken der unterschiedlichen Vertriebswege gezielt, auch für unsere Nachhaltigkeitsstrategie.
In unseren 120 Filialen machen wir Nachhaltigkeit erlebbar und greifbar:
- Hier können Kunden ihre gebrauchten Kaffeekapseln direkt recyceln. Mehr als ein Drittel der Tchibo Kapseln werden aktuell über unsere Filialen verwertet.
- Mit der Initiative 'ZWEITES LEBEN' sammeln wir Alttextilien direkt vor Ort. Insgesamt 24.000 Kunden haben sich während der Aktionszeiträume bereits beteiligt.
- In über 110 Filialen bieten wir unverpackten Kaffee an. Tchibo ist damit der größte Anbieter von unverpacktem Kaffee weltweit.
- Seit 2026 bieten wir für den spontanen und dennoch umweltfreundlichen Coffee to go diesen in allen Coffeebars im RECUP-Mehrwegpfandbecher an.
Im Online-Bereich haben wir andere Hebel:
- Wir haben 2023 ein Pilotprojekt mit Mehrweg-Versandtaschen getestet. Die Rücklaufquote betrug ca. 66%, und ein Drittel der Kunden nutzte unsere Filialen als Rückgabeort.
- Seit mehreren Jahren bieten wir die Möglichkeit zur Online-Videoinspektion als auch Ersatzteile für Kaffeemaschinen direkt im Online-Shop an. Eine wichtige Maßnahme zur Verlängerung der Produktlebensdauer.
Der entscheidende Vorteil: Unser einzigartiger Cross-Channel-Service verbindet die stationäre und die Online-Welt – Kunden können online bestellen und in der Filiale zurückgeben, Mehrwegverpackungen retournieren oder sich vor Ort beraten lassen.
Wie werden die Konsumenten aufgeklärt, welche nachhaltigen Schritte das Unternehmen setzt?
Transparenz und Aufklärung sind für uns wichtig. Dabei setzen wir auf verschiedene Kommunikationsebenen:
- Direkte Erlebnisse in den Filialen: Mit unserer Nachhaltigkeitswoche 2025 haben wir Nachhaltigkeit direkt erlebbar gemacht. In ausgewählten Filialen konnten Kunden Kaffeekapseln vor Ort recyceln und in kreative Produkte verwandeln, bei RECUP Coffee-to-go-Aktionen mit erhöhtem Umweltbonus teilnehmen und sich über die Initiative 'ZWEITES LEBEN' informieren. Die direkte Kundenerfahrung durch interaktive Recycling-Stationen vor Ort und die Kombination aus Information und praktischer Umsetzung schafft nachhaltiges Bewusstsein.
- Produktkommunikation: Verpackungsetiketten heben die Recyclingfähigkeit, den verbesserten CO₂-Fußabdruck und Entsorgungshinweise hervor. Wir haben im Rahmen des ICTI-Projekts digitale Produktpässe mit QR-Codes auf Pflegeetiketten getestet, die zu vollständigen Produktinformationen verlinken.
- Pattern Cards als Wissenstransfer: Wir haben eine Sammlung an Praxisbeispielen entwickelt, die zeigen, welche nachhaltigen Ansätze bei Tchibo bereits gut funktionieren. Wir teilen unsere Erkenntnisse und Herausforderungen, denn nur gemeinsam mit allen Kolleginnen und Kollegen, unseren Kundinnen und Kunden, Partnern und Organisationen können wir Kreisläufe schließen.
- Mitarbeiter als Multiplikatoren: Unsere Nähe zu unseren Kundinnen zeigt sich in der Filiale ganz deutlich. Genau dort wurde die Beziehung über Jahrzehnte hinweg aufgebaut. Unsere Mitarbeiter stehen bei allen Fragen beratend zur Seite – sei es zu Produkten, Nachhaltigkeit oder unserem Sortiment.
Kaffee ist ein wesentlicher Teil der DNA. Und mit RECUP hat man eine tolle Lösung des Mehrwegs ins Leben gerufen. Wie wird es von den Kunden angenommen?
Die Partnerschaft mit RECUP ist für uns ein wichtiger Meilenstein – als erste Kaffeehauskette bieten wir seit 2026 in allen 120 Coffeebars österreichweit den Coffee to go im Mehrwegpfandbecher an. Spontaner Kaffeegenuss wird einfacher und ist dabei umweltfreundlich. Anreize wie 20 Cent Nachlass auf den Kaffee motivieren zur Nutzung. Die Rückgabe ist unkompliziert bei allen RECUP-Partnerbetrieben möglich – das sind bereits fast 20.000 teilnehmende Standorte in Deutschland und Österreich. Mit dieser Initiative zielen wir darauf ab, Einwegmüll zu reduzieren und unseren Kunden umweltfreundlichen Kaffeegenuss zu ermöglichen. Immerhin beträgt die Lebensdauer eines Einwegbechers nur etwa 15 Minuten. Aktuell fokussieren wir uns darauf, die Kommunikation zu verstärken, um das Bewusstsein zu schärfen. Die Zahlen zeigen Potenzial, und durch die Verfügbarkeit in ganz Österreich wird es für unsere Kunden noch einfacher, das Angebot zu nutzen.
Welche nachhaltigen Lösungen sind Tchibo am wichtigsten?
Wir bei Tchibo haben uns bereits 2006 auf den Weg der Transformation zu einem verantwortungsvolleren Unternehmen gemacht. Unsere wichtigsten nachhaltigen Lösungen orientieren sich an den 5 Rs der Kreislaufwirtschaft – Rethink, Reduce, Reuse, Repair, Recycle:
- Kaffeeprogramm (Rethink): Mit unserem Kaffeeprogramm verfolgen wir das Ziel, bis 2027 ausschließlich verantwortungsvoll eingekauften Kaffee anzubieten. Aktuell sind es bereits 20%. Das Programm stärkt Kaffeefarmern durch bessere Anbautechniken, faire Löhne, alternative Einkommensquellen und klimaresiliente Sorten. Mehr als 13.000 Farmen in 9 Ländern profitieren bereits.
- Kreislaufwirtschaft (Reuse & Recycle): Mehr als ein Drittel der Tchibo Kapseln werden recycelt. Aus dem Kaffeesatz wird zum Beispiel Biogas gewonnen, aus dem Kunststoff entstehen neue Produkte. 24.000 Kunden haben im Zuge der Initiative „ZWEITES LEBEN“ Textilien gespendet, die im Kreislauf bleiben.
- Verpackungsreduktion (Reduce): Seit 2020 haben wir 30 Millionen Plastikhüllen pro Jahr eingespart und über 98% recyclebare Verpackungen erreicht. Bei Kaffeeverpackungen reduzieren wir den CO₂-Fußabdruck um 31-45%.
- Reparierbarkeit (Repair): Seit 2022 bieten wir Videoberatung für Kaffeemaschinen an, und seit 2024 können Kunden Ersatzteile direkt im Online-Shop bestellen.
- Klimaschutz in der Lieferkette: Wir haben wissenschaftsbasierte Klimaziele (SBTi-validiert) und setzen auf konkrete Maßnahmen wie das Kaffeeprogramm, die Future Supplier Initiative und die Seefrachtinitiative ZEMBA.
Wie sind die österreichischen Konsumenten in Bezug auf Nachhaltigkeit im Non Food Einkauf aufgestellt?
Basierend auf unseren Erfahrungen bei Tchibo sehen wir bei österreichischen Konsumenten ein starkes und wachsendes Interesse an Nachhaltigkeit. Österreichische Kunden erwarten, dass Nachhaltigkeit nicht zu Lasten von Qualität und Funktionalität geht. Genau deshalb legen wir beim Design unserer Produkte auf Langlebigkeit, Reparierbarkeit und zeitloses Design wert. Unsere CN3-Möbel-Serie zeigt das gut: modulares Design mit kratzfester Oberfläche, regelmäßige neue Zubehörsets.
Kunden haben eine generelle Unsicherheit bezüglich der Weiterverwertung von Altkleidung. Transparenz schaffen ist daher zentral. Deshalb arbeiten wir mit Netzwerk Re-Use Austria für die sozialwirtschaftlichen Textilsammler und -verwerter zusammen, um Wertschöpfung im Land zu schaffen.
Tchibo steht in der Wahrnehmung der Konsumenten für ein ausgezeichnetes Preis-Leistungsverhältnis bei bester Qualität. Nachhaltige Lösungen müssen daher auch wirtschaftlich tragfähig sein.
Mit der TchiboCard sind wir in jedem 2. österreichischen Haushalt vertreten. Diese Nähe ermöglicht es uns, genau zu verstehen, was unsere Kunden erwarten und gemeinsam mit ihnen nachhaltige Lösungen zu entwickeln.