Nahversorgung: Mehr Märkte, nicht überall
Die Zahl der Lebensmittelgeschäfte in Österreich steigt – allerdings vor allem in dicht besiedelten Regionen. In ländlichen Gebieten dünnt das Netz weiter aus. Eine aktuelle Studie der KMU Forschung Austria zeigt: Die zentrale Frage ist weniger, wie viele Geschäfte es insgesamt gibt, sondern wo sie liegen, wie erreichbar sie sind und ob ihr Betrieb wirtschaftlich tragfähig ist.
Österreich verfügt weiterhin über ein vergleichsweise dichtes Netz an Lebensmittelgeschäften. Zwischen 2021 und 2024 stieg die Zahl der LEH-Standorte österreichweit um 3,6 Prozent auf 9.126. Hinter dieser Entwicklung verbirgt sich allerdings eine deutliche Verschiebung: In dicht besiedelten Gebieten nahm die Zahl der Standorte um rund 14 Prozent zu, in ländlichen beziehungsweise dünn besiedelten Regionen ging sie dagegen um rund 3 Prozent zurück.
Damit wird die Nahversorgung zunehmend zu einer Frage der räumlichen Verteilung. Laut Studie hatten 2024 insgesamt 401 von 2.114 österreichischen Gemeinden beziehungsweise Wiener Bezirken keinen eigenen LEH-Standort. Das entspricht rund 19 Prozent. Rund 423.000 Menschen beziehungsweise etwa fünf Prozent der Bevölkerung leben damit in Gemeinden ohne eigenen Lebensmittelhändler.
Besonders ausgeprägt ist die Situation in sehr kleinen Gemeinden. Unter den Gemeinden mit weniger als 500 Einwohnern verfügt knapp drei Viertel über keinen eigenen Lebensmittelstandort. Bei Gemeinden mit 501 bis 1.000 Einwohnern sind es 43 Prozent, bei 1.001 bis 1.500 Einwohnern 28 Prozent. In Gemeinden mit mehr als 5.001 Einwohnern weist die Studie dagegen keinen entsprechenden Fall aus.
Kein Geschäft heißt nicht automatisch Versorgungslücke
Eine zentrale Einschränkung der Untersuchung ist allerdings für die Interpretation entscheidend: Erfasst wurde, ob innerhalb der Gemeindegrenzen ein LEH-Standort vorhanden ist. Nicht untersucht wurden die tatsächliche Entfernung und Fahrzeit zum nächsten Geschäft, die Versorgung durch benachbarte Gemeinden, die Erreichbarkeit mit öffentlichen Verkehrsmitteln oder die Situation von Haushalten ohne Pkw. Auch Öffnungszeiten, Sortimentsumfang sowie mobile oder alternative Versorgungsangebote fließen nicht in die Zahl ein.
Damit ist eine Gemeinde ohne eigenen Nahversorger nicht automatisch eine Gemeinde ohne funktionierende Lebensmittelversorgung. Ob tatsächlich eine relevante Versorgungslücke besteht, muss vielmehr auf lokaler Ebene geprüft werden. Gerade für die Bewertung der Nahversorgung ist diese Differenzierung wesentlich. Die aktuelle Diskussion um die Zukunft kleiner Standorte greift deshalb zu kurz, wenn sie ausschließlich auf die Zahl der Geschäfte abstellt. Hier wird die wachsende Kluft zwischen urbaner Expansion und ländlicher Ausdünnung in den Mittelpunkt gestellt. Gleichzeitig wird über unbemannte und hybride Märkte als mögliche Ergänzung diskutiert.
Die Studie spricht sich entsprechend nicht für ein einheitliches Modell aus. Für sehr kleine und periphere Gemeinden können mobile Versorgung, Lieferdienste, Abholstationen oder Einkaufsbusse sinnvoller sein als ein klassischer Vollsortimenter. In kleinen Orten mit funktionierendem Ortszentrum kommen multifunktionale Dorfläden, genossenschaftliche Modelle oder die Kombination mit Gastronomie und anderen Dienstleistungen infrage. Bestehende, aber gefährdete Geschäfte sollten zunächst stabilisiert werden – etwa über Kooperationen, Nachfolgelösungen, Digitalisierung oder hybride Öffnungszeiten.
Wirtschaftlichkeit als Schlüsselfaktor
Denn gerade in sehr kleinen Gemeinden stößt ein klassischer stationärer Vollsortimenter aufgrund des begrenzten Nachfragepotenzials schnell an wirtschaftliche Grenzen. Die Studie betont deshalb die langfristige Tragfähigkeit als entscheidendes Kriterium. Förderungen sollten nicht ausschließlich an die Errichtung eines neuen Geschäfts gekoppelt werden, sondern unterschiedliche Versorgungsmodelle ermöglichen und an ein tragfähiges Betreiber- und Finanzierungskonzept gebunden sein.
Damit verschiebt sich auch die Rolle der Gemeinden. Sie müssen nicht selbst zum Händler werden, können aber geeignete Standorte sichern, bei Genehmigungen unterstützen, Betreiber und regionale Partner zusammenbringen oder Mobilitätslösungen koordinieren. Für die Bewertung einer Maßnahme zählen letztlich nicht allein die Zahl der eröffneten Geschäfte, sondern die tatsächliche Erreichbarkeit, die Nutzung durch Haushalte ohne Auto und die wirtschaftliche Perspektive.
Konzentration auf der einen, Differenzierung auf der anderen Seite
Dabei treffen zwei gegenläufige Entwicklungen aufeinander: Die großen Handelsunternehmen bauen ihre Präsenz dort aus, wo genügend Nachfrage und Frequenz vorhanden sind, während periphere Standorte mit geringer Bevölkerungszahl und begrenztem Umsatzpotenzial schwieriger wirtschaftlich zu betreiben sind. Die aktuelle Konsumentensituation verschärft diesen Druck zusätzlich. Auch automatisierte und hybride Konzepte können diese Entwicklung nicht allein lösen. Sie können Personalaufwand reduzieren und Öffnungszeiten verlängern, beseitigen aber nicht das grundlegende Problem eines zu kleinen Einzugsgebiets.
Die Zukunft der Nahversorgung wird damit weniger durch ein flächendeckendes „Geschäft um jeden Preis“ geprägt sein als durch unterschiedliche Modelle für unterschiedliche Räume. Wo ein stationärer Standort wirtschaftlich funktioniert, geht es um dessen Sicherung. Wo die Nachfrage dafür nicht ausreicht, werden mobile, multifunktionale oder hybride Modelle wichtiger. Die eigentliche Herausforderung besteht daher nicht darin, überall denselben Ladentyp zu erhalten, sondern Versorgung dort dauerhaft sicherzustellen, wo sie gebraucht wird – und dabei Wirtschaftlichkeit und Erreichbarkeit zusammenzubringen.