Markus Kaser: ökonomische Hebel zum Erfolg
Seit Jahrzehnten ist Mag. Markus Kaser mitverantwortlich für die Entwicklung der Spar in Österreich und Europa. Derzeit ist er im Vorstand zuständig unter anderem für Sortimente, Einkauf und IT. Im Gespräch mit retailreport.at spricht er offen über die aktuelle Lage des Lebensmittelhandels.
retailreport.at: Wenn man einen Blick auf die aktuelle Lage des Lebensmittelhandels in Österreich wirft, wie schätzen Sie diese ein? Was wird uns in Zukunft erwarten?
Markus Kaser: Wir sind in Summe zufrieden. In der Spar Gruppe läuft es gut. Wir sind auch mit den Entwicklungen in allen anderen Ländern zufrieden: in Italien sind wir mit der Entwicklung zufrieden und auch in Ungarn – nach Österreich mit Italien unser zweitwichtigstes Land – sind wir mit Spar gut unterwegs. In Slowenien sind wir als Marktführer unangefochten und auch Kroatien entwickelt sich sehr gut. Hier hilft uns auch der starke Tourismus.
In Ungarn hoffen wir durch die neue Regierung auf mehr Rechtsstaatlichkeit und Verlässlichkeit, wir wissen aber auch, dass solche Entwicklungen nicht von heute auf morgen gehen. Aber wir merken dort und da Verbesserungen. Noch haben wir als ausländisches Unternehmen eine retail tax und margin caps zu tragen, aber wir denken positiv.
Wie sehen Sie die Entwicklung der Spar in diesem Kontext?
In Österreich sind wir Marktführer. Das bestätigen auch die jüngsten aktualisierten NielsenIQ-Ergebnisse, die nun auf einen einheitlichen Standard gebracht wurden. Und: wir sind ein österreichisches Unternehmen. Über 60% des österreichischen Lebensmittelhandels ist im deutschen Eigentum. Das ist per se nicht schlecht, aber es hat abseits von Patriotismus eine wichtige wirtschaftspolitische Komponente, die man nicht unterschätzen darf: die Kollateral-Effekte, die dadurch entstehen. Wir bringen österreichische landwirtschaftliche Produkte in die Regale, wir arbeiten vorrangig mit heimischen Unternehmen beim Ladenbau wie auch in unseren Lagerhäusern zusammen. Wir investieren JÄHRLICH 1 Mrd. Euro im In- und Ausland. Diese Aufträge gehen zu einem großen Teil an österreichische Unternehmen.
Und nicht zuletzt nehmen wir landwirtschaftliche österreichische Produkte auf Eigenmarken – und Industriemarken-Ebene mit auf unsere Reise in unsere Expansionsmärkte.
Gehen wir zum Thema Kosteneffizienz: Wie gelingt es die Kosten für den Konsumenten nach unten zu bringen – also die Preise – während alle anderen Kosten steigen? Wie optimiert man als Lebensmittelhändler?
Es ist ein wirtschaftspolitisch schwieriges Unterfangen. Die Teuerung wird dabei nicht immer korrekt argumentiert. Denn: der Lebensmittelhandel war und ist nicht Schuld an der Teuerung. Denn die Haushaltsausgaben für Lebensmittel sinken stetig und liegen aktuell bei rund 12 Prozent. Ja, wir sind der Kristallisationspunkt der Wertschöpfungskette. Bei uns im Lebensmittelhandel laufen alle Fäden zusammen: Produkt, Energie, Transport, IT. Wir haben zu jeder Periode in Inflation und Deflation jeden Artikel nachgerechnet und nie zugelassen, dass Preise nicht fair ansteigen. Einen guten Teil der Kosten haben wir selbst getragen.
Ich sehe einen ganz wesentlichen Hebel gegen die Teuerung in einer Senkung des Hauptrohstoffes ENERGIE. Energie ist in den letzten Jahren kostenmäßig explodiert und nimmt auf diesem Weg alle Produkte – vom Computer bis zum Brot und Reis hin mit. Für alle ist Energie selbstverständlich, aber es ist unmöglich mit diesen Energiekosten niedrige Verkaufspreise zu erzielen. Energie MUSS günstiger werden, das hilft dann jeder und jedem in der Wertschöpfungskette: vom Unternehmer bis zum Privaten. Stellen Sie sich vor, es gäbe 1 Kilowatt Strom um 10 cent – allen wäre geholfen. Und deshalb ist es enorm wichtig Mega-Investments in erneuerbare Energie zu tätigen. Das wäre nicht nur nachhaltig, sondern auch günstiger und besser für den Standort. Dieser Wettbewerbsvorteil ist der Schlüssel zu erfolgreicher Standort-Politik.
Wie setzen Sie bei Spar erneuerbare Energie um? Ist man als Lebensmittelhändler autark?
Nein, man ist nicht autark, aber wir installieren Photovoltaik, wo immer es möglich ist. Wir bauen langfristig günstig mit neuester energieschonender Technik. Bei uns kommen zum Beispiel Betonkernaktivierungen und Wärmetauscher zum Einsatz. Im Sillpark haben wir sogar ein eigenes Kraftwerk.
Wie hat sich die Flächenproduktivität im Kontext Kosten und Preise entwickelt?
Unsere Flächenproduktivität ist nach oben gegangen.
Wechseln wir zu den Sortimenten: Wie haben sich diese in den letzten Jahren entwickelt? Was kommt, was geht, was bleibt?
Über allen Themen, die im Lebensmittelhandel als Trend gelten, steht eine Prämisse: das ist der Preis und den darf man nicht aus den Augen verlieren. Wir setzen daher auf ein optimales Preis-Leistungsverhältnis.
Und dann gibt es große Trends, kleine Trends, vor allem viele Trends. Wir sprechen von multilateralen Trends, die sich auch miteinander verbinden. Einer davon ist „Bio“. Im ersten Moment klingt das überraschend, aber Bio ist ein Trend, der sich schon lange hält. Aktuell verzeichnen wir einen Boom. Das ist schön zu sehen, weil wir in Österreich auch in der Bio-Produktion weltmeisterlich sind und somit viele ökonomische Vorteile haben.
Neuere Trend-Themen im Sortiment sind Longevity, Darmgesundheit (Mikrobiom) und die Tatsache, dass Ernährung einen großen Einfluss auf unsere Gesundheit hat. Es ist nicht egal, was wir essen! Convenience zählt ebenso zu den all-time-high-Trendthemen.
Das Spannende daran ist, dass kein Trend losgelöst vom anderen ist und sie sich nicht widersprechen. Heute wollen die Konsumentinnen und Konsumenten gesunde Convenience-Produkte, sie wollen leistbares Bio und gute Zutaten. Und vor allem: es MUSS schmecken. Dieser Aspekt ist noch wichtiger als Frische. Was bringt eine frische Tomate, wenn sie nach nichts schmeckt? Deshalb zählt für uns: wir müssen an vielen Schrauben drehen und die Sortimente ausbalancieren wie bei einem stimmigen Konzert. Wir müssen auch RECHTZEITIG darauf schauen, welche Entwicklungen wir forcieren müssen. Denn es braucht Zeit, um ein gutes neues Produkt auf den Markt zu bringen.
Wie bewerten Sie die aktuelle Innovationsfreude bei Produkten?
Weniger als die Hälfte der Innovationen kommt rein von Industriemarken. Zumeist ist es ein Zusammenspiel von Händler und Lebensmittel-Industrie. Wir analysieren Trends, hinterfragen ob eigene Marke oder Herstellermarke und gehen auf die Suche nach Produzenten. Und hier haben wir mit den vielen hervorragenden österreichischen landwirtschaftlichen und kleinen Lebensmittelproduktionsbetrieben ein großes Glück. Die österreichischen Industrieunternehmen sind sehr innovativ, speziell im Segment der Molkereiprodukte. Es zählt nicht die absolute Größe eines Unternehmens, sondern die Innovationskraft.
Wie sieht das Verhältnis österreichische Hersteller zu ausländischen Herstellern aus?
Bei Obst und Gemüse kommt der überwiegende Teil natürlich aus Österreich, vor allem, wenn Saison ist. Bei Brot und Gebäck greifen wir auf rund 400 lokale Bäcker zurück. Von den 6800 Eigenmarken stammen rund 3300 aus Österreich. Bei Fleisch (Rind, Schwein, Kalb) und Frischmilch setzen wir sowieso auf heimische Qualität. Alles, was möglich ist, kommt aus Österreich. Wichtig sind erfüllte Qualitätsstandards, gute Rezepturen, eine hohe Transparenz und Wertschöpfung.
Wie bereits erwähnt gehen so manche Hersteller auch in die Länder mit. Das ist vor allem bei der Milch der Fall. Denn: wir sind Lebensmittelhändler mit österreichischem Kern und nehmen Produkte aus der Heimat mit uns mit – vom Kleinstunternehmen bis hin zum Start Up.
Produkt und Verpackung sind eng miteinander verbunden, die PPWR steht knapp vor der Tür. Was erwarten Sie von den Lieferanten?
In Bezug auf Erfüllung der PPWR nehmen wir die Lieferanten natürlich in die Pflicht. Jeder hat seine Aufgabe und muss seinen Beitrag leisten. Wir müssen uns verlassen können, dass die Regulierung umgesetzt wird. Aber wir gehen stark davon aus und werden auch kontrollieren. Das ist wie bei Shrinkflation. Auch die lassen wir nicht zu.
Können Sie in diesem Zusammenhang etwas über EmpCo sagen?
Es betrifft natürlich auch die Spar-Marken, aber wir sehen kein großes Problem. Erheblich mühsamer ist der Mega-Aufwand, den die Regulierung mit sich bringt. Wir haben 6800 Eigenmarken nur im Food Bereich. EmpCo gleichzeitig mit der MwSt-Regelung mit EUDR und PPWR – um nur einige zu nennen – das hält uns auf Trab. Die handelnden Personen auf europäischer und nationaler Ebene wären gut beraten gewesen nicht alle Neuerungen zur gleichen Zeit auf Wirtschaft und Kunden loszulassen. Das, was wir hier in kurzer Zeit an bürokratischen Neuerungen abarbeiten und umsetzen müssen, reicht normalerweise für einen 10jährigen Arbeitsauftrag. Und dazu kommt, dass diese Umsetzungen OHNE unmittelbare Wertschöpfung dastehen und megakomplex sind.
Sie sind bei Spar im Vorstand auch für IT verantwortlich. Welche Neuerungen stehen hier im Vordergrund?
Unsere Spar-APP ist ein ganz wesentliches Element und ein wichtiger Draht zu unseren Kundinnen und Kunden. Gemeinsam mit der produktwelt.at bieten wir echtes Service. Neu ist, dass wir ab Juli in der Spar APP mit einem Button abbilden, welche Produkte mehrwertsteuer-gesenkt wurden.
In den Märkten selbst haben wir viele Tools im Einsatz und bieten auch eine gute Balance zwischen Self Check-Out Kassen und servicierten Kassen. Dabei geht es um Geschwindigkeit und Platz: auf 4m servicierter Kasse kann man bis zu 3 Self Check-Out Kassen unterbringen, aber schneller ist immer noch unsere Kassenmitarbeiterin.
IT an sich muss Stabilität, Sicherheit und Souveränität bringen. Das ist der Schlüssel. Und hier kommt ein ganz wesentliches Anliegen: Wir brauchen MEHR europäische IT- und digitale Lösungen! Die Abhängigkeit von einzelnen Playern ist nicht gut. Neben der günstigeren Energie ist das ein ganz wesentliches wirtschaftspolitisches Zukunftsthema. Wir brauchen auch im digitalen Bereich mehr Souveränität.
Die EU hat das Geld dafür und sie soll sich bitte auf die wesentlichen Dinge und NICHT auf den Kleinkram konzentrieren: Energie, IT und Biodiversität. In diesen drei Bereichen echte Resilienz zu schaffen ist so wichtig für Europa und die Basis für Innovation, gute Ernährung und die europäische Zukunft.