LMW: äußerst aktive Phase
Was in der Branche klar ist: Der LMW, angesiedelt unter dem Dach von GS1 Austria, fungiert als zentrale Branchenplattform, die Hersteller, Handel und Logistikdienstleister zusammenbringt, um standardisierte Mehrwegsysteme zu entwickeln. Im Fokus steht dabei zunehmend die praktische Umsetzung – also nicht nur Konzeptarbeit, sondern konkrete, marktfähige Lösungen. Diese sind in den letzten Jahren zu wichtigen Kernthemen herangewachsen. Schon aufgrund der neuen Verordnungen und Richtlinien der EU sind Mehrweg-Themen aus dem Alltag in Handel und Industrie nicht mehr wegzudenken.
Für beide gewinnen die Aktivitäten des LMW eben vor dem Hintergrund regulatorischer Vorgaben (z. B. EU-Verpackungsverordnung PPWR) und steigender Nachhaltigkeitsanforderungen an Bedeutung. Standardisierte Mehrwegsysteme sollen helfen, Komplexität zu reduzieren und Kreislaufwirtschaft effizienter zu gestalten. retailreport.at hat nachgefragt, was sich bei den einzelnen Themen Neues tut.
retailreport.at: Ganz wichtig: welche Neuheiten gibt es im Rahmen der PPWR, wenn es um LMW geht?
Andreas Bayer: Die PPWR (Packaging and Packaging Waste Regulation) hat auch in Österreich schon lange Gültigkeit. Nun folgt am 12. August 2026 der nächste Meilenstein – die Konformitätserklärung. Anschließend folgen nahezu jährlich bis 2030 weitere Themen, die bisher in der gesetzlichen Ausformulierung noch gefehlt hatten oder für den Prozess der der Umsetzung noch nicht eindeutig waren. Ein Beispiel ist die Schrumpffolie.
Doch es ist so, dass mit 12. August diese Konformitätserklärung – vom Handel eingefordert werden kann. PFAS (per- und polyfluorierte Alkylsubstanzen) werden dann verboten sein. Re-Use wird in Zukunft noch höher eingestuft werden als Recycling. Reduce steht der Kreislaufwirtschaft jedoch nach wie vor an oberster Stelle. Daher kämpfen wir bei LMW so sehr für alle Mehrwegsysteme.
Welche Neuheiten gibt es hinsichtlich 0,33-l-Mehrweg-Glasflasche? Gibt es Neuzugänge bei der Industrie?
Diese Flasche ist im Markt wirklich gut angekommen und wird von Industrie, Handel und Konsumenten sehr gut angenommen. Ein Grund für den Erfolg war die ausgezeichnete Markteinführung, bei der Handel, Hersteller und die Rücknehmer gut zusammengearbeitet hatten.
Alleine die Brau Union hat bereits 12 Artikel umgestellt, heuer folgen noch zwei weitere. Man kann sagen, dass die Marktabdeckung eine gute ist, denn 80% dieses Volumens fallen auf die Mehrweg-Glasflasche im Format 0,33l. Es ist ohne Übertreibung eines der Vorzeigeprojekte des Logistikverbundes Mehrweg als Plattform gewesen.
Welche Neuheiten gibt es bei den Mehrweg-Bechern?
Der Konsument lernt dazu und man kann sich heute kaum mehr Events vorstellen, wo es kein Mehrweg-System bei Getränkebechern gibt – um ein Bespiel zu nennen. Seit 2024 ist das marktführende Mehrweg-Pfandsystem RECUP besonders in Wien aktiv und erweitert die Kooperationen. RECUP hat außerdem Projekte mit Denn’s und mit Tchibo gestartet. Die Kampagne „Let’s keep Wien clean“ kommt gut an.
RECUP hat in Berlin/Deutschland einen 12-Monats-Test abgeschlossen, bei dem die Zusammenarbeit zwischen Handel und Gastronomie geprüft wurde. Die Gastronomie gab Mehrweg-Gebinde (Becher) aus, die der Lebensmittelhandel (Rewe Märkte) zurücknahm. Nun werden daraus Erfahrungen gesammelt und geteilt. Fakt ist: In Gebieten, wo starker Tourismus herrscht, machen sich Rücknahme-Automaten bezahlt, die Frage ist immer: wer übernimmt die Kosten? Manche europäischen Städte haben auf die Flut an Müll mit einem Verbot an Einweg-Bechern reagiert, wie zum Beispiel betroffene Bezirke in Lissabon.
Zusammenfassend muss man sagen: Mehrweg wird in Europa mehr als weniger. Es finden sich immer mehr Partner für eine Umsetzung. Mehrweg ist ressourcenerhaltend und laufend kommen Optimierungen der Systeme auf den Markt. Das sind positive Zeichen.
Für alkoholfreie Getränke gibt es ja auch eine Mehrweg-Glasflasche, oder?
Das österreichische Abfallwirtschaftsgesetz schreibt Mehrwegquoten für Mineralwasser, Bier, Fruchtsäfte und Milch vor. Auf Wunsch des Handels nach einer standardisierten 1-Liter-Mehrwegflasche, wurde in der LMW-Arbeitsgruppe ein Konzept entwickelt, um den Umstieg von Einweg auf Mehrweg zu erleichtern und damit den Mehrweganteil im Getränkebereich weiter zu stärken.
Apropos Flasche: Was gibt es Neues von der Mehrweg-Weinflasche?
Die Mehrweg-Weinflasche ist kein Projekt des LMW mehr. Es ist nun beim Ökologie-Institut angesiedelt. Was wir wissen, ist, dass die Weinbranche anders tickt als der Lebensmittelhandel. Ziehen wir einen Vergleich: In Österreich decken über 70% fünf Brauereien ab. Bei den Winzern ist sowohl die Abdeckung deutlich fragmentierter als auch die Drehung eine andere. Die Mehrweg-Weinflasche ist nach wie vor ein kleines Pflänzchen.
Weil wir gerade bei Pflanzen sind: Welche Neuheiten gibt es bei den Mehrweg-Pflanzentrays?
Die Mehrweg-Pflanzentrays machen uns Freude. Hier gibt es gute Entwicklungen. Bei dem großen System EPT (Euro Plant Tray) erkennen wir eine aktive Akquise von immer mehr Partnern. Wichtig ist zu betonen, dass die Pflanzentrays Transporttrays sind und nicht Kultiviertrays.
Die Zusammenarbeit mit der Landwirtschaftskammer steht bei diesem Thema ebenfalls im Fokus, denn auch die Gärtnereibetriebe stehen vor dem Thema der Umsetzung der PPWR. Handlungsbedarf gibt es auf jeden Fall, denn die Träger der Töpfe landen noch zu oft im Müll. Zur Vermeidung dieses Mülls bilden wir effektive und effiziente Arbeitsgruppen mit bellaflora, OBI oder Hornbach sowie anderen Partnern, um die Umsetzungen hochzufahren.
Was gibt es hinsichtlich Mehrweg-Displays zu berichten?
In Österreich werden pro Jahr drei Millionen Displays gebaut und eingesetzt, der Großteil mit Verwendung von Einweg-Kartonage. Das führt zu einer beachtlichen CO2-Belastung.
In der Arbeitsgruppe werden mit Vertretern von Händlern und Herstellern sowie internationalen Anbietern von Mehrweg-Displays verschiedenste Konzepte diskutiert. Zudem soll eine Kosten-Nutzen-Analyse zeigen, bei welchen Produktgruppen Mehrweg-Displays Vorteile gegenüber Einweg-Displays bieten. Erste, neu entwickelte Mehrweg-Displays wurden bereits mit dem Handel getestet, die ersten Einsätze begleitet und evaluiert.
Sie sprechen die Arbeitsgruppen an, deshalb eine provokante Frage: welche Arbeitsgruppen liegen Ihnen am Herzen?
Ich finde all unsere Arbeitsgruppen sehr wichtig, der aktuelle Fokus bei Mehrweg liegt natürlich auf der PPWR. Mit dem Logistikverbund Mehrweg haben wir über GS1 gute Kontakte zu Deutschland und auch Brüssel. Das ist enorm wichtig. Es geht in Zukunft ja um so viele Themen. Nehmen wir die bereits angesprochene Schrumpffolie: die betrifft ja nicht nur Getränkegebinde, sondern auch Salate, Äpfel, Gurken. Der Bogen wird weit gespannt.
Auch unsere Arbeitsgruppe „Mehrweg to go“ ist für die Zukunft wichtig. Ab Februar 2028 müssen Gastronomiebetriebe mit Take-away-Angebot Speisen und Getränke zum Mitnehmen auch aktiv in Mehrweg-Verpackungen anbieten.
Ich will aber keine Arbeitsgruppe von der Erwähnung auslassen: Mehrweg-Pflanzentrays, Mehrweg-Displays. 1-Liter-Mehrweg-Flasche und auch die Entwicklungen bei der 0,33-Liter-Mehrweg-Glasflasche liegen uns alle sehr am Herzen.
Mehr zum Logistikverbund Mehrweg und den Arbeitsgruppen unter www.gs1.at/lmw