LEH: Zwischen Preisdruck und Bürokratie
Der Lebensmittelhandel steht weiterhin stark im Fokus der politischen und öffentlichen Debatte über Preise und Inflation. Beim Handelstag der Bundessparte Handel in der WKÖ wurde allerdings deutlich, dass die Preisentwicklung nicht isoliert beim Handel betrachtet werden kann. Entlang der gesamten Wertschöpfungskette wirken Energie-, Transport-, Personal- und weitere Kosten. Gleichzeitig bewegen sich die Margen des Handels auf niedrigem Niveau.
Stark im Mittelpunkt
Severin Gruber, Generalsekretär im Wirtschaftsministerium, verwies auf Maßnahmen der Bundesregierung wie die Mehrwertsteuersenkung auf bestimmte Grundnahrungsmittel, Änderungen bei der Preisauszeichnung und Maßnahmen gegen Shrinkflation. Gleichzeitig räumte er ein, dass der Lebensmittelhandel bei der Inflationsdebatte teilweise stärker im Mittelpunkt stehe, als es die tatsächliche Entwicklung rechtfertige. Ein wesentlicher Grund für den politischen Fokus seien auch die auffälligen Preisunterschiede zu Nachbarländern. Als einen Faktor nannte Gruber territoriale Handelsbeschränkungen (Territorial Supply Constraints), die auf europäischer Ebene adressiert werden müssten.
Aus Sicht des Handels liegt das Problem weniger in der Bereitschaft, Maßnahmen umzusetzen, als in deren praktischer Ausgestaltung. Rainer Trefelik, Obmann der Bundessparte Handel, verwies auf zusätzliche Kosten durch Vorgaben, Umstellungen und unterschiedliche Regelungen. Bei Margen von teilweise nur 1,5 bis zwei Prozent sei der Spielraum begrenzt.
Auch Hannes Wuchterl, Geschäftsführer von Nah&Frisch, schilderte die Belastung insbesondere für kleinere Kaufleute. Die Umsetzung der reduzierten Umsatzsteuer habe etwa Investitionen in Kassensysteme und erheblichen administrativen Aufwand erfordert. Sein Appell: Maßnahmen sollten stärker mit jenen abgestimmt werden, die sie anschließend umsetzen müssen.
Erich Szuchy, Vorstandsvorsitzender von Billa, plädierte ebenfalls für eine frühere Einbindung des Handels. Die Mehrwertsteuersenkung und andere Maßnahmen seien zwar umgesetzt worden, dennoch verursachten Listenpflege, Variantenmanagement und technische Anpassungen beträchtlichen Aufwand. Gleichzeitig verwies er darauf, dass bei Preisvergleichen häufig Listenpreise gegenüber tatsächlich bezahlten Preisen betrachtet würden. Ein hoher Anteil an Aktionen und Rabatten im österreichischen Lebensmittelhandel kann die Unterschiede relativieren.
Aus Sicht der Arbeiterkammer brachte Gabriele Zgubic-Engleder die Konsumentenperspektive in die Diskussion ein. Damit wurde ein Spannungsfeld sichtbar, das den Lebensmittelhandel derzeit besonders beschäftigt: Konsumenten erwarten nachvollziehbare und möglichst niedrige Preise, während Händler gleichzeitig mit steigenden Kosten und zusätzlichen regulatorischen Anforderungen konfrontiert sind.
Sonntagsöffnung bleibt strittig
Auch bei den Öffnungszeiten zeigte sich, wie unterschiedlich die Interessen innerhalb des Handels sind. Trefelik sprach sich für eine offenere und gesamthafte Diskussion aus. Aus seiner Sicht werden bei den Öffnungszeiten häufig Einzelinteressen und Sonderregelungen gegeneinander ausgespielt. Beispiele wie Flughäfen oder andere Standorte zeigen, dass Ausnahmen möglich sind, während eine grundsätzliche Diskussion über die Öffnungszeiten weiterhin schwierig bleibt.
Gerade im Lebensmittelhandel treffen dabei unterschiedliche Interessen aufeinander: Filialisierte Unternehmen, selbstständige Kaufleute, unterschiedliche Standortlagen sowie regionale und landespolitische Interessen haben nicht dieselben Anforderungen. Trefelik plädierte entsprechend für eine Diskussion über das „große Ganze“, statt einzelne Regelungen jeweils isoliert zu betrachten.
Die Debatte über die Sonntagsöffnung steht damit exemplarisch für ein grundsätzliches Problem des Lebensmittelhandels: Einerseits steigen die Erwartungen an Verfügbarkeit und Nahversorgung, andererseits verursachen längere Öffnungszeiten zusätzliche Personal- und Betriebskosten. Gerade für kleinere Standorte stellt sich daher die Frage, ob eine Ausweitung der Öffnungszeiten wirtschaftlich tatsächlich darstellbar ist. Und nicht zuletzt muss man die Erweiterung der Öffnungszeiten von 72 auf 78 Wochenstunden, wie von Rewe gefordert von der Sonntagsöffnung unterscheiden. Prinzipiell wäre es sinnvoll die Entscheidung der Öffnung den einzelnen Unternehmen zu überlassen.
Kleine sind oftmals frustriert
Neben Preisen und Öffnungszeiten rückten die Teilnehmer auch die Situation der Nahversorger in den Mittelpunkt. Wuchterl verwies auf eine zunehmende Frustration unter kleinen Kaufleuten und auf die Gefahr, dass Standorte vor allem im ländlichen Raum verloren gehen. Damit ist die Diskussion über die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen zugleich eine Frage der Versorgung. Der Lebensmittelhandel sieht sich daher mit einem widersprüchlichen Erwartungsdruck konfrontiert: niedrige Preise, hohe Verfügbarkeit, regionale Versorgung und zusätzliche Leistungen sollen gleichzeitig gewährleistet werden.
Als gemeinsamer Belastungsfaktor wurden schließlich die Energiepreise genannt. Hinzu kommen laut Handelsvertretern regulatorische Anforderungen etwa bei Gebäuden, Ladeinfrastruktur und unterschiedlichen landesrechtlichen Vorgaben. Diese Kosten sind für Konsumenten im Regal kaum sichtbar, wirken sich aber auf die Kalkulation der Unternehmen aus.
Komplexe Themen auf EU-Ebene
Zuvor diskutierten noch prominente Händler mit Vertreten der EU. Sie wünschen sich aktive Gestaltung u.a. in den Bereichen Energiepreise, Level Playing Field und allen voran durch Abbau von Bürokratie. Ernst Mayr, CEO von Fussl Modestraße und Franz Koll, CEO von Intersport Austria, kritisierten die Komplexität und den Aufwand, den diverse, meist europäische Verordnungen mit sich bringen. „Ich versuche alles einzuhalten, aber es ist mittlerweile so kompliziert, dass man das kaum noch schaffen kann“, waren sich Mayr und Koll einig.
Die Kritik der Praktiker stieß bei Marion Walsmann, Abgeordnete zum Europäischen Parlament und Florentine Hopmeier, stv. Leiterin der Europäischen Kommission in Wien, auf offene Ohren: „Unternehmen müssen innerhalb der EU einfacher wachsen, investieren und grenzüberschreitend handeln können. Das bedeutet: Gold-Plating zurückdrängen, Bürokratie abbauen, Verwaltungsprozesse digitalisieren und europäische Regeln einheitlicher anwenden“, bekräftigte EU-Abgeordnete Marion Walsmann (CDU).