JKU: Wenn Firmen leise verschwinden
Knapp 6.300 Handelsunternehmen haben im Jahr 2024 laut Statistik Austria für immer geschlossen. Rein rechnerisch waren das rund 17 pro Tag. Nach einem Rückgang im zweiten Corona-Jahr 2020 auf 4.275 Schließungen stieg die Zahl damit wieder deutlich an. Im langjährigen Vergleich lag nur das Jahr 2016 mit 6.551 Schließungen höher, 2023 waren es noch 5.817. Wie das Institut für Handel, Absatz und Marketing (IHaM) der Johannes Kepler Universität Linz betont, gehen mit den Schließungen Arbeitsplätze verloren, außerdem droht eine steigende Marktkonzentration.
Nicht jedes Ende ist eine Pleite
Die meisten Handelsunternehmen verschwinden allerdings im Stillen und ohne Insolvenz, auch wenn vor allem die steigenden Pleitezahlen das mediale Interesse prägen. Eine Schließung ist laut IHaM daher keineswegs mit Insolvenz oder unternehmerischem Scheitern gleichzusetzen. Wie Creditreform und das Leibniz-Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung zeigten, spielen zunehmend demografische Entwicklungen eine Rolle, etwa wenn Firmeninhaber ohne Nachfolge in Pension gehen. Hinzu kommt die Krisendynamik der vergangenen Jahre. Sie wirkte mit technischem Wandel, steigendem Wettbewerbsdruck, zunehmender Bürokratie sowie höheren Energie- und Personalkosten zusammen.
Drei Insolvenzen pro Tag
Der Handel zählt dennoch zu den Wirtschaftssektoren, die am häufigsten von Insolvenzen betroffen sind. Nach deutlichen Rückgängen in den Corona-Jahren 2020 (495 Fälle) und 2021 (475) kletterte die Zahl der Insolvenzen im heimischen Handel von 826 im Jahr 2022 auf 922 im Jahr 2023. 2024 und 2025 lag sie mit 1.117 und 1.113 jeweils über 1.100. Im Jahr 2019 hatte sie bei 879 gelegen. Mittlerweile schlittern rechnerisch pro Tag drei Handelsunternehmen in die Pleite. Der Kreditschutzverband von 1870 rechnet für 2026 mit einer Fortsetzung dieses Negativtrends. Im ersten Halbjahr 2026 mussten laut Statistik Austria bereits 539 Handelsunternehmen Insolvenz anmelden.
Als Ursachen der Pleiten nennt der Kreditschutzverband zumeist operative Mängel wie Absatzschwächen, die Kostenstruktur und die Finanzierung. Dazu kommen Gründungs- und Strategiefehler, in geringerem Ausmaß auch persönliche, nicht beherrschbare oder externe Ursachen.
Auch das Aufhören will gelernt sein
Unternehmerisches Handeln ist laut IHaM immer mit Risiko verbunden. Ein Ende lösche die zuvor geschaffene Leistung aber nicht aus: Die Betriebe hätten Arbeitsplätze geschaffen, Steuern und Abgaben geleistet, Lieferanten Aufträge gebracht und zur regionalen Wertschöpfung beigetragen. Aus einem Ende könne zudem Neues entstehen, weil Unternehmer aus Fehlern lernen und neu beginnen könnten. Auch andere Firmen könnten aus Marktaustritten lernen, denn diese zeigten Veränderungen bei Nachfrage, Wettbewerb, Kosten und Geschäftsmodellen auf.
Der geordnete Marktaustritt sei daher eine Managementaufgabe, so die Forscher. Neben der Begleitung von Gründung und Wachstum brauche es Kompetenzen für Nachfolge, Sanierung und Betriebsaufgabe, und zwar unter Berücksichtigung von Beschäftigten, Lieferanten, Kunden, Eigentümern und weiteren Anspruchsgruppen. Entsprechende Beratungsangebote gebe es bereits. Angesichts der hohen Zahl an Schließungen gewinne diese Form der „Sterbebegleitung“ weiter an Bedeutung.
Gittenberger und Teller: „Normaler Bestandteil der Wirtschaft“
IHaM-Handelsforscher Ernst Gittenberger fasste zusammen: „Nicht jedes Unternehmen, das vom Markt verschwindet, ist daher gescheitert. Pensionierung, fehlende Nachfolge oder veränderte wirtschaftliche Rahmenbedingungen können ebenso Gründe sein.“ Das „Unternehmenssterben“ sei ein normaler Bestandteil einer dynamischen Wirtschaft, auch wenn die hohe Zahl an Schließungen und Insolvenzen im Handel durchaus Anlass zur Sorge gebe.
Institutsvorstand Christoph Teller ergänzte, Erinnerung solle nicht nur zurück-, sondern auch nach vorne blicken. Ein Unternehmensende lösche weder die zuvor geschaffene Leistung aus, noch müsse es das Ende unternehmerischer Tätigkeit bedeuten. „Wir brauchen eine Kultur, die Unternehmertum nicht nur beim Gründen und Wachsen unterstützt, sondern auch beim Scheitern, Lernen, Loslassen und neuerlichen Beginnen“, sagte Teller.
Methodik: Die Ergebnisse beruhen auf Sekundärdaten von Statistik Austria sowie auf Untersuchungen von Creditreform, dem Leibniz-Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung und dem Kreditschutzverband von 1870. Das IHaM analysierte diese Daten weiter. Die Studie wurde aus institutseigenen Mitteln finanziert und ohne finanzielle Beteiligung von Interessenvertretungen oder Unternehmen durchgeführt.