JKU: Lebensmittel - Wert und Preis
Ja, Lebensmittelpreise steigen – aber in Österreich weniger stark als in der EU und nicht höher als das durchschnittliche Äquivalenzgesamtnettoeinkommen
Die Lebensmittelpreise sind in den letzten Jahren deutlich angestiegen. Zwischen 2019 und 2024 hat sich der entsprechende HVPI (Harmonisierter Verbraucherpreisindex) für Nahrungsmittel in Österreich um 30,1 % erhöht. Im EU-Durchschnitt sind die Nahrungs- mittelpreise im 5-Jahreszeitraum laut Eurostat um 34,3 % gestiegen. In Deutschland fallen die Preissteigerungen mit 36,8 % nochmals höher aus. 1
Gleichzeitig haben sich im Zeitraum 2019/2024 die Preise für Wohnen (inkl. Energie) in Österreich um 35,7 % erhöht. Allein die Energiepreise sind in fünf Jahren um 60,8 % gestiegen.2Im Vergleich dazu ist das durchschnittliche Äquivalenzgesamtnettoeinkommen3der österreichischen Haushalte im Zeitraum 2019 bis 2024 um 30,7 % gestiegen4– und damit ähnlich hoch wie die Preise für Nahrungsmittel (30,1 %).
Klar ist auch, dass Haushalte mit geringerem Einkommen einen größeren Anteil ihrer Konsumausgaben für Lebensmittel aufwenden (müssen) und durch ansteigende Preise stärker belastet werden. Das trifft jedoch in noch höherem Ausmaß auf den Ausgabenbereich Wohnen (inkl. Energie) zu, wo die Preise in den letzten Jahren noch stärker gestiegen sind als bei Lebensmittel. 5
Die (relative) Bedeutung von Lebensmittel – Österreicher geben anteilsmäßig relativ wenig für Lebensmittel aus
Die privaten Haushalte in Österreich haben im Jahr 2022 (aktuellste verfügbare Daten) laut Eurostat 10,0 % ihrer gesamten Konsumausgaben für Nahrungsmittel aufgewendet. Damit liegt Österreich im EU-Vergleich an drittletzter Stelle (Platz 25). Nur in Luxemburg (9,6 %) und Irland (8,6 %) geben die Haushalte anteilsmäßig noch weniger für Lebensmittel aus. Der Ausgabenanteil für Nahrungsmittel liegt im EU-Durchschnitt bei 13,6 %. Selbst Haushalte in Deutschland wenden in Relation zu ihren gesamten Konsumausgaben mehr für Lebensmittel auf (11,5 %) als in Österreich.6
Auf der anderen Seite fallen in Österreich die (relativen) Konsumausgaben für Freizeit/ Kultur sowie für Restaurants/Hotels im EU-Vergleich überdurchschnittlich hoch aus. Im Ausgabenbereich Freizeit/Kultur belegt Österreich im EU-27-Ranking Platz 4. Für Restaurants/ Hotels geben die Österreicher anteilsmäßig mehr als doppelt so viel wie die Haushalte in Deutschland aus, was Platz 8 bedeutet. 7
Österreich ist ein „Bio-Vorreiter-Land“ – und das sollte auch in Zukunft so bleiben
Trotzdem der Anteil für Lebensmittel in Österreich an den gesamten Konsumausgaben im EU-Vergleich relativ gering ausfällt, liegt der Bio-Anteil im österreichischen Lebensmitteleinzelhandel hinter Dänemark auf Platz 2. Laut dem Bund Ökologische Lebensmittelwirtschaft hat der Bio-Umsatzanteil am Lebensmittelmarkt im Jahr 2020 in Dänemark 13,0 % betragen, in Österreich 11,3 % und Deutschland 6,4 %.8Der Pro- Kopf-Umsatz mit Bio-Lebensmitteln ist im Jahr 2023 in Österreich mit € 292,- um mehr als 50 % höher als in Deutschland (€ 191,-) ausgefallen.9
Zudem ist Österreich führend in der Bio-Landwirtschaft. Der Anteil der ökologischen/ biologischen Landwirtschaft (konvertiert oder unter Konversion) zur gesamten landwirtschaftlich genutzten Fläche ist in Österreich (im aktuell verfügbaren Vergleichsjahr 2020) mit 25,7 % EU-Spitze. In Deutschland liegt dieser Anteil bei 9,6 %, in der gesamten EU bei 9,1 %.10
Trotz „Bio-Land“ – der Aktionsanteil im Lebensmitteleinzelhandel ist fast dreimal höher als der Bio-Anteil
Und obwohl Österreich ein „Bio-Land“ ist, fällt der Aktionsanteil im Lebensmitteleinzelhandel im Jahr 2023 laut RollAMA11 mit 30,6 % (wertmäßig) nahezu dreimal höher als der Bio-Anteil mit 11,0 % (wertmäßig) aus. Wieso? Weil Konsumenten zwar bio, fair und regional wichtig finden, beim Einkaufen aber letztlich der Preis zählt.
Eine IHaM-Studie hat 202412diese Diskrepanz zwischen Sagen und Tun auf Basis einer repräsentativen Konsumentenbefragung aufgezeigt. 66 % der Befragten sehen bei anderen Konsumenten, dass sie zwar biologisch hergestellten Produkten prinzipiell den Vorzug geben würden, tatsächlich aber konventionell hergestellte Produkte kaufen („fremdbezogene Diskrepanz“). 47 % der befragten Österreicher beobachten dies bei sich selber („selbstbezogene Diskrepanz“).
„Was nichts kostet, ist auch nichts wert“ sagt ein Sprichwort – Österreich liegt bei Lebensmittelabfällen auf Platz 17 im EU-Ranking
Pro Kopf sind in Österreich laut Eurostat13im Jahr 2022 (aktuellste verfügbare Daten) in Summe 131 Kilogramm Lebensmittelabfälle über die ganze Wertschöpfungskette hinweg (Herstellung, Verarbeitung, Gastronomie, Haushalte, etc.) angefallen bzw. gesammelt worden. Davon entfallen 70 kg. (bzw. 53 %) auf private Haushalte – 70 kg. pro Kopf bzw. rd. 635.000 Tonnen insgesamt. Damit belegt Österreich beim Thema Lebensmittelverschwendung im EU-Ranking den wenig rühmlichen 17. Platz. Im EU- Durchschnitt hat 2022 das Aufkommen von Lebensmittelabfällen in privaten Haushalten 68 kg. (pro Kopf) betragen, in Deutschland 75 kg.
1 Quelle: Eurostat, HVPI Klassifikation der Verwendungszwecke des Individualverbrauchs (COICOP) / Berechnungen: Institut für Handel, Absatz und Marketing (IHaM)
2 Quelle: Eurostat, HVPI Klassifikation der Verwendungszwecke des Individualverbrauchs (COICOP) / Berechnungen: Institut für Handel, Absatz und Marketing (IHaM)
3 Erläuterung: Das Durchschnittliche Äquivalenz-Gesamtnettoeinkommen ist ein bedarfsgewichtetes Pro-Kopf-Ein- kommen, dass die Einkommen aller Haushaltsmitglieder (Bruttoeinkommen minus Steuern und Abgaben plus Trans- fers) zusammenfasst und durch einen Äquivalenzfaktor teilt. Das Äquivalenzeinkommen ermöglicht einen aussage- kräftigeren Vergleich des Lebensstandards zwischen Haushalten unterschiedlicher Größe und Zusammensetzung.
4 Quelle: Eurostat, Durchschnittliches und Median-Einkommen nach Alter und Geschlecht / Berechnungen: Institut für Handel, Absatz und Marketing (IHaM)
5 Quelle: Statistik Austria, Konsumerhebung 2019/2020
6 Quelle: Eurostat, Konsumausgaben nach Verwendungszweck 2022
7 Quelle: Eurostat, Konsumausgaben nach Verwendungszweck 2022
8 Quelle: Travnicek, J., Willer, H. and Schaack, D. (2022): Organic Farming and Market Development in Europe. In: Willer, Helga (Ed.) (2022): The World of Organic Agriculture. Statistics and Emerging Trends 2020. Research Institute of Organic Agriculture (FiBL) and IFOAM – Organics International.
9 Quelle: Forschungsinstitut für biologischen Landbau; AMI, Statista 2025
10 Quelle: Eurostat, Ökologische Anbaufläche nach landwirtschaftlichen Produktionsmethoden und Kulturen 2020
11 Quelle: RollAMA/AMA-Marketing, Feldarbeit: Consumer Panel Austria GfK/Auswertung: KeyQuest Marktforschung
12 Quelle: Gittenberger, Ernst; Teller, Christoph (2024): Die „Scheinheiligkeit“ der Konsument:innen. In: IHaM-Analysen zu aktuellen Entwicklungen in Handel, Absatz und Marketing. JKU Institut für Handel, Absatz und Marketing (IHaM), Linz.
13 Quelle: Eurostat, Food waste and food waste prevention by NACE Rev. 2 activity 2022