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Marlene Hölsken fungiert im R&D-Bereich bei Henkel Consumer Brands als Head of Country Amplification & PSRA und kümmert sich dabei um die Themen Produktsicherheit und Regulierungen.

Henkel und PPWR: es braucht Dialog

Wie Regulierung und Recycling den Verpackungsmarkt verändern, das berichtet Marlene Hölsken. Sie fungiert im R&D-Bereich bei Henkel Consumer Brands als Head of Country Amplification & PSRA und kümmert sich dabei um die Themen Produktsicherheit und Regulierungen.

Als Marlene Hölsken Chemie studierte, hätte sie nicht gedacht, dass sie sich eines Tages mehr mit Regulatorien als mit der Entwicklung neuer Produkte beschäftigen würde. Die Managerin ist seit 16 Jahren im Unternehmen und leitet aktuell bei Henkel Consumer Brands ein europäisches R&D-Team für Produktsicherheit und Regulierungsangelegenheiten (Product Safety and Regulatory Affairs; PSRA) und verantwortet die Implementierung der diesbezüglichen EU-Gesetzgebung in lokalen Märkten innerhalb der EU, aber auch in der Schweiz, Ukraine und Serbien.

Große Verantwortung

Für Marlene Hölsken und ihr Team bedeutet das eine enorme Verantwortung: alle Produkte müssen inhalts- und verpackungstechnisch regelkonform und gesetzeskonform auf den Markt kommen. „Wenn ein neuer Gesetzesentwurf publiziert wird, muss als erster Schritt ein Impact Assessment gemacht werden, um zu verstehen, welche Auswirkungen die neue Gesetzgebung auf unser Portfolio und die geplanten Innovationsprojekte haben wird“, so Hölsken. In den vergangenen Jahren gab es bei Henkel Consumer Brands viele Neuerungen. „Auf der einen Seite ist das positiv, auf der anderen Seite eine Herausforderung“, sagt die Teamleiterin.

Zu ihrem Verantwortungsbereich gehört auch internationale Vernetzung. Mit den europäischen Verbänden AISE und Cosmetics Europe arbeitet man mit dem EU-Parlament zusammen und setzt einen Schwerpunkt auf Advocacy. Denn: Nicht alles, was die EU an Regulatorien vorhat, ist auch für die Wirtschaft unmittelbar anwendbar. „Dabei ist ganz wichtig zu sagen: wir wehren uns nicht gegen Gesetze und Neuerungen, ABER sie müssen so gestaltet sein, dass sie einerseits nicht mehr Kosten und Aufwand erzeugen als sie tatsächlich bringen und andererseits auch in ihren Auswirkungen evaluiert werden können“, so Hölsken. Die EU-Kommission hat ein Interesse daran, dass Europa wettbewerbsfähig bleibt. „Nicht die Zielsetzung der Gesetze ist das Schwierige, es sind die manchmal nicht eindeutig formulierten Kriterien rundherum. Für uns ist eine Kernaussage: Ohne Planungssicherheit gibt es keine Innovationsstrategie“. Mit einem Public Affairs Team ist deshalb auch Henkel in Brüssel vertreten.

Verpackung im Zentrum des Geschehens

Lange Zeit war die Geschichte einer Flasche vor allem eine Erfolgsstory aus Designfreiheit, Funktionalität und maximaler Regalwirkung. Doch die Rahmenbedingungen haben sich grundlegend verändert. Heute bestimmen regulatorische Anforderungen, Recyclingquoten und Materialeffizienz die Entwicklung. Für Handel und Industrie bedeutet das: Verpackung ist längst ein strategischer Faktor.

In der Vergangenheit dominierte der Einsatz von Virgin Plastic, also Neu-Kunststoff. Hersteller nutzten die volle Bandbreite gestalterischer Möglichkeiten: individuelle Formen, hohe Wandstärken, komplexe Materialkombinationen. Der Fokus lag klar auf Benutzerfreundlichkeit, Sicherheit für den Anwender, Differenzierung im Regal und Markeninszenierung.

Recyclingfähigkeit spielte zwar eine Rolle, war jedoch selten das zentrale Entwicklungsziel. Multimaterial-Lösungen, Farbstoffe und Additive standen dem optimalen Stoffkreislauf häufig im Weg. Doch dieses Paradigma geriet zunehmend unter Druck.
Das Bewusstsein für die ökologischen Folgen von Kunststoffabfällen wuchs rasant – mit spürbaren Auswirkungen auf Markenstrategien und regulatorische Initiativen.

Henkel verpflichtetet sich seit der Gründung zu ambitionierten Nachhaltigkeitszielen und übertrifft mit den eigenen Vorgaben oft auch die regulatorischen Vorgaben.
Ein entscheidender technologischer Meilenstein war – etwa für die Persil-Flaschen - die Materialumstellung von Polypropylen (PP) auf Polyethylen (PE), um den Einsatz von Rezyklaten zu erleichtern und geschlossene Materialkreisläufe zu ermöglichen.

Die PPWR verändert den Markt

Mit der europäischen Packaging and Packaging Waste Regulation (PPWR) verschärft sich der regulatorische Rahmen deutlich. Die Verordnung stellt weitreichende Anforderungen an alle Marktakteure – vom Hersteller über den Markenartikler bis hin zum Handel.

  1. Recyclingfähigkeit aller Verpackungen
    Jede Verpackung muss künftig recyclingfähig sein – nach klar definierten Kriterien.
  2. Einsatz von Rezyklaten
    Der Anteil recycelter Materialien wird verbindlich vorgeschrieben. Gleichzeitig entstehen Gebührenmodelle, die den Einsatz von nicht-recyceltem Material wirtschaftlich unattraktiver machen.
  3. Verpackungsminimierung
    Jede Verpackungsgröße muss auf ein technisches Minimum reduziert werden. Überflüssiger Luftraum – sowohl in Außen- als auch in Innenverpackungen – wird regulatorisch adressiert.
  4. Materialwahl und Kreislauffähigkeit
    Die Materialentscheidung wird strategisch. Die Frage lautet nicht mehr nur: „Welches Material performt am besten?“, sondern: „Welches Material ist kreislauffähig und regulatorisch zukunftssicher?“

Für den Handel gewinnt die Recyclingfähigkeit zunehmend an Relevanz – nicht nur aus Nachhaltigkeits-, sondern auch aus Kostengründen. Lizenzentgelte und Systembeteiligungsgebühren orientieren sich künftig stärker an der tatsächlichen Recyclingfähigkeit und dem Rezyklatanteil.

Gleichzeitig stellen sich operative Fragen:

  • Welche Verpackung ist vollständig recyclingfähig?
  • Welche Materiallösung ermöglicht den höchsten Einsatz an Rezyklaten?
  • Wie lassen sich Produktschutz, Design und Nachhaltigkeit miteinander vereinbaren?

Insbesondere bei Kunststoffen wie PP, PE oder PET entscheidet die Sortier- und Aufbereitungsfähigkeit über ihre tatsächliche Kreislauftauglichkeit. Monomaterial-Lösungen gewinnen daher an Bedeutung.

Recyclierbarkeit bis 2028

Die Neuregelung der Recyclierbarkeit von Verpackungen in der EU erfolgte primär durch die PPWR, die ja am 11. Februar 2025 in Kraft getreten ist. Um die übergeordneten Ziele (Recyclingfähigkeit bis 2030, Kreislauffähigkeit bis 2035) technisch umzusetzen, ist die Europäische Kommission ermächtigt, sekundäre Rechtsvorschriften (delegierte Rechtsakte und Durchführungsrechtsakte) zu erlassen. „Dazu zählt auch die Frage: Nach welchen Kriterien wird der Grad der Rezyklierbarkeit einer Verpackung gemessen?“, geht Marlene Hölsken ins Detail. Mit Hilfe von Data Management gibt es ganz genaue Berechnungen, allerdings ist hier die Software-Entwicklung eine große Herausforderung für jedes Unternehmen – NOCH fehlt die Berechnungsgrundlage.

Ein Umdenken ist erforderlich

Die Geschichte einer Waschmittel- oder Putzmittel-Flasche ist heute also kein isoliertes Produktkapitel mehr, sondern Teil eines regulatorisch getriebenen Systemwandels. Verpackungsentwicklung erfolgt nicht mehr primär unter Marketinggesichtspunkten, sondern entlang folgender Leitlinien:

  • Design for Recycling
  • Materialreduktion
  • Rezyklateinsatz
  • Systemkompatibilität mit bestehenden Recyclingstrukturen

Für Handelsunternehmen bedeutet das, Nachhaltigkeitskriterien stärker in das Lieferantenmanagement und die Sortimentsgestaltung zu integrieren. Verpackung wird zum Compliance-Thema – und zugleich zur Chance für Differenzierung. Auch der Konsument muss regelmäßig informiert werden, dass die Qualität eines Produktes gleich hoch bleibt, auch wenn sich das Erscheinungsbild einer Verpackung verändert. Und nicht zuletzt wird durch eine Gebühr, die eine Verpackung mit einer geringen Recyclierbarkeit „abstraft“, noch einmal ein Anreiz zur Umstellung geschaffen werden (Extended Producer Responsibility).

Die PPWR macht deutlich: Recyclingfähigkeit und Materialeffizienz sind keine freiwilligen Zusatzleistungen mehr, sondern Marktzugangsvoraussetzungen. Recyclingfähigkeit und Verpackungsminimierung gehen Hand in Hand. Für Henkel Consumer Brands ist die PPWR konform mit der lang gelebten Nachhaltigkeitsstrategie.

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geschrieben am

03.03.2026