Handel könnte experimentierfreudiger sein
Die Bundessparte Handel der Wirtschaftskammer Österreich hat eine großangelegte DACH-Studie in Auftrag gegeben und wollte dabei die volle Wahrheit wissen: wie gut bzw. schlecht steht es um Österreichs Handel? Gleich vorweg: „Die Ergebnisse belegen, dass der stationäre Handel keineswegs abgeschrieben ist – er muss jedoch noch gezielter auf Kundenbedürfnisse eingehen“, betont WKÖ-Handelsspartenobmann Rainer Trefelik.
Studienverfasser von „Elevate Retail Design 2025“ ist Markus Schweizer, CEO von der Holistic Consulting GmbH unter wissenschaftlicher Begleitung der Privatuniversität Schloss Seeburg. Wichtig ist: Der stationäre Handel ist weiterhin stark und bleibt insbesondere im Lebensmittelbereich der bevorzugte Einkaufskanal. 85,3 % der Lebensmittel, 76,3 % der Drogerie- und Beautyprodukte und 45,9 % der Textilien werden stationär gekauft. Aber: der stationäre Handel darf nicht einfach die Online Kanäle kopieren. Er muss auf eigene Stärken setzten. Präsenz, Erlebnis und emotionale Kategorien sind die Stärken des stationären Handels. „Man muss sich als Händler immer neu erfinden“, so Schweizer. Und: man muss Innovationen besser und stärker kommunizieren, wie etwa Click&Collct-Möglichkeiten. „Es braucht Profilierung“, sagt Schweizer.
Online-Plattformen im Aufwind
Asiatische Online-Marktplätze gewinnen rasant an Bedeutung: Rund die Hälfte der Befragten hat dort bereits eingekauft. Besonders Temu wächst stark (von 32 % auf 60 %), während Shein moderat zulegt und AliExpress an Relevanz verliert.
Für Konsumenten zählen vor allem eine einfache Orientierung im Sortiment, unkomplizierte Bezahlung und ein gutes Preis-Leistungs-Verhältnis. Auswahl und Service bleiben zentrale Erfolgsfaktoren, während Entertainment-Elemente noch eine geringere Rolle spielen. „Gamification“ lautet das Schlagwort, mit dem sich viele online-Plattformen die Kunden neugierig machen. Gamification ist die gute Nachricht, Loyalität die schlechte: bekommt man ein Produkt bei einem anderen Online-Händler günstiger, wird schnell geswitcht.
Umgelegt auf die Innenstädte kann das bedeuten: Das Einkaufserlebnis muss eng mit Atmosphäre, Sauberkeit und guter Erreichbarkeit verbunden sein.
Digitalisierung mit Mehrwert
Digitale Tools wie POS-Terminals oder Smart Mirrors stoßen auf Interesse, wenn sie echten Nutzen bieten. Gleichzeitig zeigt sich eine Spaltung: Während einige Kunden offen für digitale Services sind, bleiben andere skeptisch – insbesondere bei personalisierten Nachrichten oder Abos.
Damit stationäre Geschäfte auch künftig attraktiv bleiben, braucht es funktionierende Innenstadtkonzepte und faire Wettbewerbsbedingungen. Rainer Trefelik fordert rasch wirksame Maßnahmen gegen Wettbewerbsverzerrungen durch außereuropäische Onlineanbieter – etwa bei Zoll, Steuern und Produktsicherheit – sowie eine bessere Abstimmung städtischer Veranstaltungen, um den Einkaufsbetrieb nicht zu stören. „Nur so kann man dem stationären Handel wieder die richtige Bühne bieten“.