Handel: es geht immer wieder um Fairness
Der österreichische Lebensmittelhandel steht unter massivem Druck: steigende Kosten, eine anhaltend hohe Inflation und zunehmende Spannungen entlang der Wertschöpfungskette prägen die aktuelle Lage. Seit vielen Jahrzehnten ist das Weihnachtsgeschäft für den Handel der „rettende“ Umsatzbringer. Es stellt sich die Frage, ob das 2025 auch so war und wie es dem Handel letztes Jahr und aktuell erging.
retailreport.at: Herr Will, wie hat sich der Handel in Österreich 2025 entwickelt, vor allem, wenn man einen Fokus auf das Weihnachtsgeschäft setzt?
Rainer Will: Die Vorzeichen der Weihnachtsumsätze haben sich im Vergleich zu den vergangenen Jahren verändert. Der November war 2025 der eigentliche „Star“ des Weihnachtsgeschäftes. Er hat sehr viel an Kaufkraft im Land vorweggenommen. Die Gründe dafür sind vielfältig, mit Sicherheit zählen Aktionswochen wie die Black Week dazu, die vom E-Commerce angetrieben werden. Deshalb sagen wir: Der November-Umsatz im Handel ist fest in ausländischer Hand, während das Dezember-Geschäft in heimischer Hand ist.
Gutschein- und Geldgeschenke hatten 2025 Hochsaison, deshalb kann da heuer im ersten Quartal noch einiges an Umsätzen im stationären Handel dazukommen. Und: die zahlreichen Adventmärkte waren ein wesentlicher Treiber des Geschäftes. Zusammenfassend kann man sagen: Wir haben ein Plus von 2% prognostiziert und auch stationär positive Rückmeldungen bekommen, aber aufgrund des massiven Kostendrucks und anderer Faktoren rettet das Weihnachtsgeschäft den Handelsumsatz 2025 nicht. Die Handelsumsätze stagnierten im Vorjahr.
Liegt es an den hohen Preisen im Handel?
Dazu ein klares Nein, das belegen auch die Zahlen der Statistik Austria. Diese sind augenöffnend: Die durchschnittliche Inflation in Österreich im Zeitraum 2020 bis 2025 lag bei 29,8 Prozent. Nahrungsmittel lagen in diesem Zeitraum bei 31,4 Prozent. Dazu gibt es aber zahlreiche „Fußnoten“: Viele Grundnahrungsmittel stiegen deutlich weniger stark als die allgemeine Inflation, waren also inflationsdämpfend. Die Teuerung befeuert haben in erster Linie alkoholfreie Getränke wie Kaffee, Kakao oder Orangensaft. Diese Rohwaren sind am Weltmarkt enorm gestiegen. Der Börsenpreis für Arabica-Bohnen ist seit Oktober 2023 auf das Zweieinhalbfache nach oben geklettert. Die Kakaopreise stiegen im Frühjahr 2024 innerhalb von nur zwei Monaten um 280 Prozent. Diese Kosten muss der Handel teilweise weitergeben.
Die wahren Treiber waren und sind immer noch Strom (+59,6%), Erdgas (+127,7%), Fernwärme (+77,7%) und die Gastronomie (+45,5%), aber auch die Lohnkosten mit all ihren Einmalzuschüssen haben die Situation nicht verbessert. Und nicht zu vergessen die Gebühren-Erhöhungen des Staates, die zuletzt drastisch angehoben wurden. Die wahre Tragik an der Entwicklung ist die Tatsache, dass der Non Food Handel zu keiner Zeit die Kostensteigerungen im Vollausmaß nur ansatzweise an die Konsumenten weitergeben konnte und nun massiv darunter leidet.
Hat sich die Teuerung im Lebensmittelhandel auch in den letzten Jahren linear so weiterentwickelt?
Eben nicht. Im Jahresdurchschnitt 2025 lag die allgemeine Inflationsrate bei 3,6 Prozent. Staatliche Gebühren sind sogar um 4,9 Prozent gestiegen. Nahrungsmittel (ohne Getränke) haben sich hingegen lediglich um 2,9 Prozent verteuert. Nur eines blieb: die hohen Energiekosten – Strom lag nach wie vor bei 37,3 Prozent. Und wieder trifft es den Non Food Handel bitter: Er senkte die Inflation drastisch und litt selbst dabei, indem er eigene Kosten schwer decken kann.
Die Preise setzen sich bekanntermaßen aus verschiedenen Faktoren zusammen. Was spricht für die Lebensmittelbranche, die so oft im Kritikfeuer der Konsumentenverbände steht?
Dazu muss man Zusammenhänge erkennen können, denn ein Verkaufspreis setzt sich aus sehr vielen Faktoren zusammen. In Österreich ist es so, dass Preisunterschiede zu Deutschland mit strukturellen Faktoren zu erklären sind: Österreich ist ein deutlich kleinerer Markt mit geringeren Skaleneffekten, höherer Filialdichte, alpiner Topografie und strengeren Umwelt- und Qualitätsstandards. Hinzu kommt ein besonders hoher Bio- und Regionalitätsanteil. Während im EU-Schnitt rund 10,5 Prozent der Flächen biologisch bewirtschaftet werden, liegt Österreich bei 27 Prozent.
Ein weiterer Faktor ist der hohe Aktionsanteil: 37 Prozent aller Lebensmittel werden in Österreich zu rabattierten Preisen verkauft, in Deutschland nur 25 Prozent. Listenpreisvergleiche spiegelten daher nicht die tatsächlichen Konsumentenausgaben wider. Multinationale Nahrungsmittelkonzerne sind ebenfalls an der Teuerung beteiligt, denn territoriale Lieferbeschränkungen (Territorial Supply Constraints) machen es dem Handel unmöglich, europaweit zu gleichen Konditionen einzukaufen. Die BWB spricht in diesem Zusammenhang von einem „Österreich-Preisaufschlag“ der globalen FMCG-Industrie von 15 bis 20 Prozent bei Markenartikeln. Eine Abschaffung dieser Praktiken könnte europäische Konsumenten laut EU-Kommission jährlich um rund 19 Milliarden Euro entlasten. Somit ist klar: Der Handel steht zwischen steigenden Einkaufspreisen und dem Anspruch, leistbare Preise zu gewährleisten.
Fakt ist: Für den Standort Österreich und für den Lebensmittelhandel ist es sehr schädlich, wenn man immer nur auf den billigsten Regalpreis schielt und nie die Ursachentreiber der Inflation ausforscht. Wir machen seit langer Zeit die Kostentreiber nachweisbar und dazu zählt neben den Energieversorgern vor allem auch der Staat. Wir leben im Land der Indexierungen – auf allen föderalen Ebenen wurden Gebühren und Abgaben kräftig nach oben geschraubt.
Was sagen Sie zur aktuellen Mehrwertsteuersenkung auf Grundnahrungsmittel?
Der Handelsverband plädiert dafür, Inflation dort zu bekämpfen, wo sie entsteht: bei Energiepreisen, Abgaben, internationalen Rohstoffmärkten und unfairen Praktiken der globalen Industrie. Staatliche Eingriffe am Ende der Wertschöpfungskette würden dieses Gleichgewicht gefährden – ebenso wie die regionale Nahversorgung und rund 140.000 Arbeitsplätze im heimischen Handel. Der Handelsverband warnt auch vor staatlichen Preisdeckeln oder Handelsspannen-Obergrenzen. Beispiele wie Ungarn zeigen, dass solche Maßnahmen zu massiven Marktverzerrungen, Versorgungsproblemen und letztlich zu Rekordinflation bei Lebensmitteln geführt hätten. Auch Preisvergleichsrechner für Lebensmittel bringen keinen Mehrwert, sondern könnten den Wettbewerb schwächen und regionalen Produzenten schaden.
Aber: Wir begrüßen jede Form der Entlastung für die Bevölkerung, denn wir wissen aus unserem täglichen Geschäft, dass viele Haushalte finanziell unter Druck stehen. Der Lebensmittelhandel wird die angekündigte Halbierung der Mehrwertsteuer bei den betreffenden Grundnahrungsprodukten selbstverständlich eins zu eins und vollumfänglich weitergeben. Ebenso klar ist aber, dass der Regalpreis nicht nur aus der Steuer besteht, sondern aus vielen Komponenten, die als Inputkosten direkt auf den Verkaufspreis wirken. Wichtig ist, dass die Nahversorger ausreichend Vorlaufzeit für die Umstellung bekommen und in den formellen Gestaltungsprozess des Finanzministeriums eingebunden werden.
Grundsätzlich gut finde ich die Paketabgabe für Drittstaatspakete als Maßnahme zur Gegenfinanzierung. Allerdings muss sie unbürokratisch und treffsicher direkt die Fernost-Plattformen wie Temu und Shein erfassen, ohne andere Teile der Wertschöpfungskette zu belasten. Eine Umsetzung wie in Italien oder Rumänien, wo die Paketzusteller für die Einhebung zuständig sind und Umgehungsmöglichkeiten bestehen, halten wir für nicht zielführend.
Bei der geplanten Plastikabgabe sind hingegen noch viele Fragen offen. Wir befürchten, dass sie die versprochenen Entlastungsmaßnahmen für Unternehmen und Bevölkerung konterkarieren könnte. Dabei ist Österreich ohnehin schon von Kopf bis Fuß durchreguliert: Bitte endlich weniger statt immer mehr!
Grundpreisauszeichnung und Shrinkflation sind die jüngsten Würfe der Bundesregierung, die für den Handel weitere bürokratische Hürden sind. Sind sie sinnvoll?
Bei der Grundpreisauszeichnung hat der Handel bis zuletzt versucht, die Ausführung etwas einfacher zu machen, denn die Fehleranfälligkeit der Preisauszeichnung steigt dramatisch. Aber die Regierung ist hart geblieben. Das Gesetz ist eines der strengsten weltweit. Mit dieser Regelung wird man auslösen, dass das Marktamt künftig mit dem Maßband in den Supermarkt kommen muss.
Bei der Shrinkflation liegt die Entscheidung bei der EU-Kommission. Auch da hätten wir uns andere, verursachergerechte Lösungen vorgestellt, die für alle Beteiligten besser gewesen wären: Eine Aussendung bei weniger Inhalt und im zweiten Schritt eine EU-weit verpflichtende Auszeichnung auf der Verpackung durch den Hersteller (Kennzeichnung am Produkt) – eventuell mit einem Hinweis zentral in der Supermarkt-Filiale vor dem Kassaabschluss. Nun, am PoS ist die Kennzeichnung mit Wobblern wieder ein großer Mehraufwand. Und zusätzlich stehen höhere Strafen im Raum.
Aufgrund all der Maßnahmen, Polykrisen und Konsumstimmungen: Welches Bild zeichnet sich für den Handel 2026 ab?
Eine kurzfristige Entspannung im Handel ist derzeit nicht absehbar. Zwar stabilisieren sich einzelne Kostenfaktoren, andere bleiben jedoch auf hohem Niveau. Entscheidend wird sein, wie sich Energiepreise, Lohnkosten und internationale Rahmenbedingungen weiterentwickeln.
Unsere Hauptaufgabe ist es, die Versorgungssicherheit zu gewährleisten und gleichzeitig leistbare Preise anzubieten. Darüber hinaus müssen wir weiter in Effizienz, Digitalisierung und Nachhaltigkeit investieren. Der Handel bleibt ein stabilisierender Faktor in wirtschaftlich unsicheren Zeiten. Für unsere Händler setzt sich der Kostenmarathon auch 2026 unvermindert fort. Jeder zweite Händler spricht in unserer jüngsten Händlerbefragung von Personalabbau und nicht einmal die Hälfte der Händler erwartet heuer einen Gewinn. All das befeuert das Wachstum der Billig-Diskonter in allen Branchen.
Ich wünsche mir mehr Sachlichkeit in der öffentlichen Diskussion, ein faires Miteinander entlang der Wertschöpfungskette und politische Rahmenbedingungen, die unternehmerisches Handeln ermöglichen. Der Schlüssel ist, das staatliche AUSGABEN-Problem in Angriff zu nehmen. Der Ansatz beim Lebensmittelhandel ist die Themenverfehlung des Jahrzehnts. Den Handel immer an den Pranger zu stellen ist falsch. Wir sollten stolz auf Österreichs Handel sein.