Gerald Hackl: „Österreich produziert sich teuer“
retailreport.at: Vivatis ist 2025 um sechs Prozent, also 83 Mio Euro, auf 1,43 Mrd. Euro Umsatz gestiegen. Kommt das alles aus organischem Wachstum oder auch aus der Inflation?
Gerald Hackl: Zunächst kann ich sagen, dass es uns im Großen und Ganzen gut geht, aber natürlich sind es herausfordernde Zeiten. Wir leben nun seit sechs bis sieben Jahren in Krisen. Auf 2026 haben sich alle – Wirtschaft, Gesellschaft und Politik – schon gefreut und dann kam der Iran Krieg. Er bringt wieder große Unsicherheit und führt zu extremen globalen Verwerfungen. Trotz der anhaltenden Herausforderungen konnten wir real und organisch wachsen. Letzteres vor allem bei Convenience, Tiefkühlprodukten und in der Gemeinschaftsverpflegung. Ein gutes Beispiel für akquisitorisches Wachstum hingegen ist die Mehrheitsbeteiligung an dem kroatischen Unternehmen Salvia, mit dem wir für 2026 einen Umsatz von rund 30 Mio. Euro planen. Auch unsere Catering-Tochter Gourmet wächst stark, ebenso internationale Aktivitäten, ausgehend von Maresi CEE. Entscheidend ist: Wir wachsen nicht nur über Preise, sondern über Marktanteile und neue Geschäftsfelder. Aktuell erwirtschaften wir 21% unseres Umsatzes im Lebensmittelhandel, vor 14 Jahren waren das noch 40%! Aber ich muss fair sagen: natürlich haben auch Preissteigerungen beim Umsatzzuwachs mitgewirkt.
Können Sie das „Mehr“ an Kosten beschreiben?
Wir mussten aufgrund der jüngsten globalen Verwerfungen neu kalkulieren: 4-6% an Mehrkosten kommen auf uns aktuell durch höhere Verpackungs- und Energiekosten zu. Insgesamt ergibt sich dadurch in der gesamten Vivatis-Gruppe eine Mehrbelastung von mind. 15 Mio. Euro. Zudem steigen die Kosten in der Logistik und bei den Rohstoffen. Das spüren wir auch an den landwirtschaftlichen Produkten, die wir aus Österreich beziehen. Auch diese werden teurer. Von den Verfügbarkeiten der Rohstoffe spreche ich noch gar nicht. Je länger die Straße von Hormus geschlossen bliebt, desto teurer und knapper wird alles. Dabei sollten wir uns eigentlich auf unser Kerngeschäft konzentrieren! Mich macht diese Weltlage sehr traurig: ein paar wenige Präsidenten großer Nationen, die nicht in der Lage sind, richtig zu handeln, machen so viel kaputt. Uns beschäftigen weltweit nur mehr menschliches Leid, globale Verwerfungen und Unsicherheit.
Wie kauft Vivatis ein, um gut durch die Krise zu kommen?
Die Holding setzt auf einen Zentraleinkauf, um Bedarfe zu bündeln und effizient zu sourcen. Der Fokus liegt dabei auf wettbewerbsfähigen Preisen, stabilen Kostenstrukturen und vor allem auf der Sicherstellung von Verfügbarkeiten. Neben der Lieferkette spielt auch die Qualität der Ernten eine entscheidende Rolle.
Die aktuellen klimatischen Entwicklungen stellen die Landwirtschaft vor große Herausforderungen: Geringe Niederschläge führen regional zu deutlich niedrigeren Erträgen was sich wiederum direkt auf die Versorgungslage und Preise auswirken wird.
Gleichzeitig wird die öffentliche Diskussion den realen Rahmenbedingungen oft nicht gerecht. Produzenten werden pauschal als Preistreiber dargestellt, obwohl Lebensmittel nur einen vergleichsweise geringen Anteil an der Gesamtinflation haben. Tatsächlich steigen Energie-, Rohstoff- und Personalkosten massiv – diese Faktoren werden jedoch häufig ausgeblendet.
Wir verlieren an Wettbewerbsfähigkeit und überlassen Produktionen den Billiglohn-Ländern. Es ist eine importierte Inflation, die wir in Österreich haben. Kaffee, Kakao, Tee, Fruchtsaftkonzentrat und andere Rohwaren, die es bei uns in Österreich nicht gibt, sind rasant im Preis gestiegen, während die österreichischen Rohstoffe immer schlecht geredet werden und es nicht sind. Die Realität ist: Produktion in Österreich ist unter den aktuellen Rahmenbedingungen sehr kostenintensiv – nicht zuletzt aufgrund externer Einflussfaktoren.
Sind Lebensmittel zu günstig oder zu teuer?
In den Jahren 2024/25 waren österreichische Lebensmittel sogar inflationsdämpfend. Gleichzeitig zeigt sich jedoch ein klares Bild beim subjektiven Empfinden: Viele Menschen schätzen Lebensmittel deutlich teurer ein, als sie tatsächlich sind. Diese Wahrnehmung wird durch die öffentliche Diskussion zusätzlich verstärkt – auch seitens der Politik. Das ist problematisch.
Während hohe Ausgaben für Konsumgüter wie neue Smartphones kaum hinterfragt werden, steht der Preis für Lebensmittel immer wieder in der Kritik.
Selbstverständlich gibt es Menschen, die sich mit den Lebenserhaltungskosten schwertun, aber das ist die Aufgabe der Politik und auch unsere Aufgabe als Unternehmen, genau DORT gezielt zu unterstützen. Die Mehrwertsteuersenkung auf 4,9% ist für mich ein klassischer Fall des Gießkannen-Prinzips. In Wahrheit müssten wir als Hersteller jetzt die Preise aufgrund der massiv gestiegenen Kosten erhöhen. Das ist schwer durchsetzbar, wenn gleichzeitig politisch motivierte, populistische Maßnahmen gesetzt werden.
Österreich ist in vielen Bereichen ein Hochpreisland – insbesondere die Lohnstückkosten liegen im europäischen Vergleich auf einem sehr hohen Niveau. Diese strukturellen Rahmenbedingungen müssen in der Diskussion stärker berücksichtigt werden.
Was bedeutet das für die Vivatis?
Das müssen wir uns sehr genau ansehen. Im Prinzip geht es darum, die strukturellen Rahmenbedingungen in Österreich zu verbessern – insbesondere die Lohnnebenkosten zu senken und den Weg aus dem Hochsteuerland zu finden. Wir als Vivatis stellen laufend kritisch die Frage, ob und in welchem Ausmaß Preisanpassungen möglich sind.
Ich bin ein überzeugter Patriot und liebe Österreich und die hier produzierten Lebensmittel.
Unser gemeinsames Ziel muss es sein, Arbeitsplätze zu sichern und Wertschöpfung im Land zu halten – nicht sie schrittweise zu verlieren.
Aktuell stoßen wir jedoch zunehmend an Grenzen. Und „in Schönheit sterben“ ist keine Option. Tatsache ist: Wir verlieren derzeit größere Aufträge, weil wir im internationalen Vergleich zu teuer produzieren. In Ländern des Ostens liegen die Produktionskosten um 20 bis 30 % niedriger. Deshalb denkt Vivatis erstmals ernsthaft darüber nach, Teile der Produktion ins Ausland zu verlagern. Wir prüfen derzeit konkrete Optionen. Man muss sich aber im Klaren sein: Was einmal abwandert, kommt in der Regel nicht zurück.
Ich bin gespannt, wer in 10-15 Jahren noch in Österreich produziert. Und ich verstehe auch den Lebensmittelhandel, wenn er international billiger einkaufen kann.
Nicht zuletzt stellt sich die grundsätzliche Frage: Warum haben wir innerhalb Europas so unterschiedliche Kostenstrukturen?
Wie wächst man dann noch als Unternehmen?
Wie bereits gesagt: Für österreichische Unternehmen ist Wachstum aktuell eine große Herausforderung. Wir wachsen zum Glück gesund, qualitativ hochwertig und organisch – auch international, wie unsere jüngste Mehrheitsbeteiligung an Salvia in Kroatien zeigt.
Bei Akquisitionen ist es entscheidend, dass es zu unseren strategischen Geschäftsfeldern passt und nachhaltige Perspektiven entstehen.