Agrarhandel stabil, LM-Industrie unter Druck
Der österreichische Agrar- und Lebensmittelhandel zeigt zwei unterschiedliche Entwicklungen: Während sich die Agrarexporte im ersten Halbjahr 2026 insgesamt behaupteten und das Handelsdefizit deutlich verringerte, gerät die Lebensmittelindustrie zunehmend unter Druck. Das zeigen die vorläufigen Daten der Statistik Austria für die ersten sechs Monate des Jahres.
Die Agrarexporte stiegen wertmäßig um ein Prozent auf 8,73 Mrd. Euro. Da gleichzeitig die Importe zurückgingen, verringerte sich das Agraraußenhandelsdefizit gegenüber dem Vorjahreszeitraum um knapp 394 Mio. Euro. Die Exportmenge blieb mit rund 5,17 Mio. Tonnen nahezu unverändert. Mehr als 80 Prozent der Ausfuhren gingen in die EU, Deutschland blieb mit 3,35 Mrd. Euro und einem Anteil von 38,4 Prozent der wichtigste Absatzmarkt. „Die aktuellen Zahlen zeigen, dass sich Österreichs Agrar- und Lebensmittelwirtschaft auch in einem herausfordernden Umfeld auf internationalen Märkten gut behauptet“, sagt Christina Mutenthaler-Sipek, Geschäftsführerin der AMA-Marketing. Besonders erfreulich seien die steigenden Exportmengen bei Fleisch, Milchprodukten sowie Obst und Gemüse. Neben Deutschland gewinnen weitere europäische Märkte an Bedeutung: Die Ausfuhren nach Italien stiegen um 4,3 Prozent, jene in die Niederlande um sechs Prozent und nach Tschechien um 9,9 Prozent.
Rindfleisch und Käse im Plus
Bei einzelnen Warengruppen fallen die Zuwächse deutlich aus. Die Rindfleischexporte erhöhten sich wertmäßig um 12,2 Prozent auf 366,3 Mio. Euro, die Menge stieg um 3,8 Prozent auf rund 45.500 Tonnen. Bei Geflügelfleisch legte der Exportwert um 9,2 Prozent auf 194,7 Mio. Euro zu. Käse erreichte 459,3 Mio. Euro, ein Plus von 2,7 Prozent; die exportierte Menge wuchs um 13 Prozent. Auch fermentierte Milchprodukte entwickelten sich dynamisch: Der Exportwert stieg um 20,5 Prozent auf 180,3 Mio. Euro.
Bei Obst und Gemüse erhöhte sich der Exportwert um 13,9 Prozent auf 161,1 Mio. Euro beziehungsweise um 5,2 Prozent auf 128,3 Mio. Euro. Besonders kräftig fiel die Erholung bei Äpfeln aus: Die Ausfuhrmenge wuchs um 56,1 Prozent auf knapp 24.800 Tonnen, der Exportwert um 63,5 Prozent auf 25,3 Mio. Euro. Nicht alle Produktgruppen profitierten: Der Milch-Exportwert sank trotz höherer Mengen um 7,4 Prozent auf 211,7 Mio. Euro, vor allem aufgrund niedrigerer Preise.
Lebensmittelindustrie verliert Wettbewerbsfähigkeit
Ein deutlich anderes Bild zeigt sich bei den Ausfuhren der Lebensmittelindustrie. Für die Zollkapitel 16 bis 24 gingen die Exporte im ersten Halbjahr 2026 gegenüber dem Vorjahreszeitraum mengenmäßig um 5,1 Prozent auf rund 2,9 Mio. Tonnen und wertmäßig um 0,8 Prozent auf rund 5,3 Mrd. Euro zurück. Auch die abgesetzte Produktion entwickelte sich rückläufig: Ihr Wert sank um 5,4 Prozent von 6,0 auf 5,7 Mrd. Euro.
Katharina Koßdorff, Geschäftsführerin des Fachverbands der Lebensmittelindustrie, sieht darin ein Warnsignal für den Standort. Hohe Energie- und Personalkosten, Bürokratie sowie teurere Rohstoffe und Verpackungsmaterialien belasteten die heimischen Betriebe im internationalen Wettbewerb. „Österreichische Lebensmittelhersteller tragen einen vergleichsweise schwereren Kostenrucksack bei Aufwendungen für Personal- und Energiekosten als ihre ausländischen Mitbewerber. Das rächt sich dann auf den Exportmärkten“, betont Koßdorff.
Die EU bleibt mit einem Anteil von 76,7 Prozent und einem Exportwert von 4,1 Mrd. Euro der wichtigste Absatzraum der Lebensmittelindustrie. Deutschland vereint rund 38 Prozent der Ausfuhren auf sich; die Lieferungen dorthin gingen wertmäßig um 1,2 Prozent zurück. Während die Exporte nach Italien um 3,3 Prozent und nach Tschechien um 9,4 Prozent zulegten, sanken jene in die Niederlande um 5,8 Prozent und nach Frankreich um 6,9 Prozent.
Bei den Produktgruppen führen alkoholfreie Erfrischungsgetränke mit knapp 1,2 Mrd. Euro die Exportstatistik an, allerdings mit leichten Rückgängen. Auch feine Backwaren und Schokoladenwaren standen unter Druck. Letztere verzeichneten wertmäßig ein Minus von 10,2 Prozent, obwohl die exportierte Menge um 2,2 Prozent zunahm.
Zwar blieb die Außenhandelsbilanz der Lebensmittelindustrie mit einem Überschuss von 587 Mio. Euro positiv. Der langfristige Trend ist jedoch rückläufig: Zwischen 2021 und 2025 schrumpfte der Überschuss von 2,136 Mrd. auf 809 Mio. Euro.
Koßdorff fordert daher bessere Rahmenbedingungen und eine stärkere Exportorientierung. „Die Zukunft der österreichischen Lebensmittelindustrie entscheidet sich nicht an der Kassa, sondern am Standort“, so die Geschäftsführerin. Die geplante Exportoffensive der Bundesregierung sei ein wichtiger Ansatzpunkt. Für die rund 200 Unternehmen der Branche mit 27.500 Beschäftigten und einem jährlichen Produktionsvolumen von rund 12 Mrd. Euro gehe es darum, Wertschöpfung und Arbeitsplätze langfristig abzusichern.